Radsport : Stürzt Scharping?

Im Bund Deutscher Radfahrer könnte es zu einem Machtwechsel kommen. Die Opposition sieht heute gute Chancen Rudolf Scharping loszuwerden.

Frank Bachner
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Scharping

Berlin - Barbara Wilfurths wird Rudolf Scharping bestimmt nicht wählen. Dieser hatte ihr nämlich nicht persönlich gratuliert, als sie zur Präsidentin des Bayerischen Radsportverbandes gewählt worden war. Noch nicht einmal die Hand hatte ihr der Chef des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR) gedrückt. Was sie als Unverschämtheit empfand und sich öffentlich auch darüber beklagte.

Mitunter spielen auch eher skurrile Aspekte eine Rolle bei der heutigen historischen Kampfabstimmung im BDR. Zwei Kandidaten kämpfen beim Verbandstag in Leipzig um den Verbandsvorsitz, so etwas hat es seit 60 Jahren nicht mehr gegeben. Dieter Berkmann, Orthopäde und ehemaliger Bahnradfahrer, fordert Rudolf Scharping heraus. Ob er den früheren Verteidigungsminister auch stürzen kann, ist unklar. 586 Stimmen gibt es in Leipzig, und Dieter Kühnle, der zu Berkmanns Lager gehört, sagt: „Wir sind ziemlich sicher, dass wir mehr als 300 Stimmen bekommen.“ Kühnle will wieder Vizepräsident werden. Das war er schon mal, bis er 2007 zurücktrat. Scharping habe keine klare Anti-Doping-Politik, sagte er damals.

Kühnle, eine der treibenden Kräfte im Anti-Scharping-Kampf, sagt: „Die Bayern stehen zu 90 Prozent hinter uns.“ Der bayerische Verband hat 89 Stimmen, nur die Nordrhein-Westfalen haben mehr: 105. Die Württemberger stehen auch hinter Berkmann, die meisten der Delegierten jedenfalls. Württemberg hat 71 Stimmen. „Die Verbände, mit denen wir gerechnet haben, stehen zu uns“, sagt Kühnle.

Mit den Nordrhein-Westfalen haben sie nicht fest gerechnet, das war klug. Denn Stefan Rosiejak, Geschäftsführer des Landesverbands Nordrhein-Westfalen, sagt: „Wir stimmen für Rudolf Scharping.“ Berkmann habe kein überzeugendes Konzept, außerdem habe er seit Jahren nicht mal Vereinsarbeit geleistet, da sei die Führung eines Verbandes wohl eine Nummer zu groß für ihn. Scharping dagegen habe dem Landesverband eine dritte hauptamtliche Trainerstelle über den Olympiastützpunkt Rheinland verschafft. Und er sorge für mehr Basisnähe. Dass die einzelnen Fachwarte in Zukunft nicht mehr vom BDR-Hauptausschuss ernannt, sondern von den Delegierten gewählt werden, sei Scharpings Verdienst. Und Berkmann habe sich nicht mal persönlich vorgestellt.

Auch die Berliner stimmen für Scharping. „Er hat zweifellos Sponsoren für den BDR gewonnen und hat sich klar im Anti-Doping-Kampf positioniert“, sagt Wolfgang Scheibner, Präsident des Berliner Verbands. Gut, „über ein paar Punkte muss man sprechen“. Dass die ehemalige, im Zorn zurückgetretene BDR-Präsidentin Sylvia Schenk nicht zur 125-Jahr-Feier des BDR eingeladen wurde, die am Freitagabend stattfand, sei nicht so glücklich. „Bei aller Kritik ist das kein Grund, jemanden aus dem Amt zu jagen.“ Viel Einfluss haben die Berliner bei der Wahl nicht: Sie haben nur sechs Delegiertenstimmen.

Aber Kühnle sieht die Scharping-Fans gar nicht als Block. „Nordrhein-Westfalen hat noch nie einheitlich abgestimmt“, sagt er. Er kann sich auch nicht sicher sein, dass alle Württemberger für Berkmann stimmen. Aber so sieht das Kühnle nicht. „Ich bin ziemlich sicher, dass die uns komplett unterstützen.“

Vielleicht müssen sich einige Delegierte erst mal von der Härte des Wahlkampfs erholen. Da redet Scharping von „Strippenziehern im Hintergrund“, von Leuten, die „mit Intrigen sehr bewandert sind“ und von „Schmutz“, der im Internet verbreitet wurde. Das mit dem Schmutz streitet Kühnle gar nicht ab. Er und seine Mitstreiter haben ein Internetforum eingerichtet, in dem sich jeder zu Wort melden durfte, der „sachlich Veränderungen im BDR wollte“, wie Kühnle sagt. Sachlich blieben allerdings nicht viele. Stattdessen wurde viel Mist verbreitet, gibt Kühnle zu. Und zudem „erhielten wir Beifall von der falschen Seite“.

Ausgerechnet der bekennende frühere Dopingsünder und kurzzeitige Tour-de-France-Held Dietrich Thurau unterstützte die Kandidatur Berkmanns. Das war Kühnle hoch peinlich. Er wehrt sich aber gegen den Vorwurf, er habe diese Kommentare bestellt oder gefördert. Im Gegenteil, „ich habe die Seite dann schließen lassen“. Ob das Forum Berkmann letztlich mehr genützt oder geschadet habe, kann er schwer einschätzen. Er weiß nur eines: „Die Wahl ist eng.“

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