Sport : Radsport: Viele Kurven und viel Spaß

Hartmut Scherzer

"Für den Sieg kommen 15 Fahrer in Frage, und wir haben zwei davon: Erik Zabel und Jan Ullrich." (Rolf Aldag, deutscher Radprofi)

Rolf Aldag brachte es auf seine trockene westfälische Art auf den Punkt. Die deutsche Mannschaft hat beim olympischen Straßenrennen der Radfahrer eine Medaille im Visier. Ende der Durchsage und der Diskussionen über die Rollenverteilung im deutschen Fünfer-Team beim 239 Kilometer langen Rennen am Mittwoch im Centennial Park. Es ist Pressekonferenz der deutschen Radprofis im Deutschen Haus. Am Vorabend waren Jan Ullrich, Erik Zabel, Rolf Aldag, Andreas Klöden und Jens Voigt - aus dem Trainingslager an der australischen Goldküste bei Brisbane kommend - ins Olympische Dorf eingezogen.

Am Morgen hatte das Quintett die Strecke besichtigt, war dreimal rumgefahren auf dem 17,1 km langen Kurs und hatte dabei leicht trainiert. Die allgemeine Einschätzung: Es gibt breite Straßen, viele Kurven und dazu vom Meer einen relativ steilen Anstieg. Doch die Entscheidung dürfte auf den flachen Stücken davor oder danach fallen.

Mit dem Rad waren die Profis pünktlich zum Meeting mit den Medien vorgefahren. Mit dem Bus wären sie im Stau stecken geblieben. Das Saal war proppenvoll. Ullrich und Zabel genießen Star-Status in der deutschen Olympia-Mannschaft. Bei Jan Ullrich fiel sofort die neue Meckifrisur auf. "Mein Englisch ist nun mal nicht so gut. Ich habe gesag: shorter, shorter. Und dann waren die Haare auch schon weg. Aber jetzt kann ich mir für den Rest des Jahres den Friseur sparen." Jan Ullrich war auf die Frage offenbar vorbereitet.

Anders als vor vier Jahren, als sie direkt von der glorreichen Tour de France nach Atlanta geflogen waren und die Spiele nicht sonderlich ernst genommen hatten, sind die Profis diesmal hoch motiviert. Der Stellenwert Olympias im Radsport hat gegenüber den Spielen in Atlanta zugenommen. Die Leute, die sonst das Sagen haben bei Ullrich und Zabel, Walter Godefroot und Rudy Pevenage, saßen als Gäste unter den zahlreichen Reportern. "Es sind meine ersten Olympischen Spiele. Unter den Eintagesrennen ist das hier das größte, das es gibt", betonte Ullrich.

Dennoch: Der Wert einer Goldmedaille liege unter dem eines Tour-Siegs. Obwohl sich der Tour-Sieger von 1997 und Weltmeister im Zeitfahren auf seine Domäne konzentriert und dafür erstmals in seiner Karriere auch speziell trainiert habe, strebt er durchaus schon am Mittwoch eine Medaille an. "Jeder von uns hat die Chance, seinen eigenen Ambitionen nachzugehen. Wenn aber in den letzten beiden Runden noch alle zusammen sind und es zum Sprint kommen sollte, dann haben wir den besten und schnellsten Mann in unseren Reihen."

Das ist Erik Zabel. Für den Sprinter sind es bereits die dritten Spiele. Der Spitzenreiter des Weltpokals weiß den Wert Olympias 2000 zu schätzen: "Es ist gut, über den Tellerrand rauszuschauen. Die Planungen waren diesmal viel intensiver. Ich bin jedenfalls nach dem ganzen Aufwand nicht hier, um Urlaub zu machen." In Atlanta hatten die Tourhelden sich noch gefragt: "Was sollen wir hier eigentlich?"

Erik Zabel weiß, dass er zum engsten Kreis der Favoriten zählt, auch wenn es kein reiner Sprintkurs sei. Aber der 30-jährige Berliner mit Wohnsitz Unna hat in dieser Saison gezeigt, dass er auch auf schwierigem Terrain, wie beim Amstel Gold Race, siegen kann. Deswegen stellt sich auch Jens Voigt ganz in den Dienst Erik Zabels, wenn es darauf ankommt. "Ich bin hier nicht fürs Alibi als Nicht-Telekomer dabei. Für mich gibt es kein Problem, mit den anderen zusammenzuarbeiten. Die Stimmung ist gut, wir haben viel Spaß und mit Erik das beste Pferd im Stall."

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