Sport : Radsport: Wie einst im Mai

Jetzt, am heutigen Freitag, geht das Spektakel wieder los. Zum 54. Mal setzt sich der Konvoi, diesmal von Lodz nach Potsdam über gut 1600 Kilometer, in Bewegung. Ebenso gerät bei Millionen Anhängern vieles in Erinnerungsfahrt. Vieles, was sie bewegte und dauerhaft mit dem "Course de la Paix", das ist der offizielle Name, verbindet.

Zu meinem fast 50-jährigen Reporterleben gehören 17 Jahre, in denen jeweils der Mai zum Friedensfahrtmonat wurde. Hunderte Reporterstunden füllte ich. Erst, 15-mal, im Radioprogramm und dann noch bei folgenden Fernseh-Direktsendungen. Und ich bleibe bei "Hunderten". So viele sympathische Fahrer aller Kontinente lernte ich kennen. Darunter Dutzende Weltklasseleute.

Aufregend und unvergesslich bleibt zum Beispiel die Leipziger Zielankunft 1955. Da säumten zwei Millionen die 206 Tageskilometer von Karl-Marx-Stadt, jetzt wieder Chemnitz, bis ins Messezentrum. Mindestens 300 000 begrüßten die Radfahrer in Leipzigs Straßen bis zum Ziel Plache-Stadion. Da, in Probstheida, zog dann vor 50 000 Fans der Ur-Berliner Detlef Zabel den Spurt für Täve Schur an. Es klappte. Schur gewann seine allererste Etappe vor dem Belgier Verhelst im Gelben Trikot. Nach den folgenden Krimi-Kapiteln bis Warschau siegte er auch zum ersten Mal bei der Friedensfahrt.

Vater Zabel (64) denkt gern an das vor 46 Jahren Geschehene. "Noch mehr schwärme ich aber von den furiosen Zielsprints unseres Sohnes Erik", sagt er und erzählt stolz von den vier Grünen Trikots, die der Sohn von der Tour de France mitbrachte. Dass Erik auch Friedensfahrt-Etappensieger wurde, 1992 in Mlada Boleslav, erfüllt Detlef Zabel ebenso mit Genugtuung. "Ich selbst war 1955 Siebenter", sagt er. "Vor mir rangierten nur Asse: Verhelst, Meister II aus Gera, Krivka, Krolak und Werschinin. In Warschau war ich immerhin End-Neunter. Höhepunkte meines Rennerlebens." Wie Zabel sen. und jun., Kirchoff, Schur freuen sich Millionen, dass die Friedensfahrt Wirrungen und Irrungen überlebte. Und lebt wie einst im Mai.

Der Autor war jahrzehntelang Sportreporter für den Rundfunk der DDR.

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