RADSPORT : Wiggins vor Martin, Arndt Zweite

Jürgen Löhle
Schneller. Bradley Wiggins (u.) holte wie erwartet Gold, bei den Frauen Judith Arndt Silber. Foto: Reuters/dpa
Schneller. Bradley Wiggins (u.) holte wie erwartet Gold, bei den Frauen Judith Arndt Silber. Foto: Reuters/dpaFoto: dpa

London - Die Adern unter seinen spindeldürren Armen traten wie pralle Gummischläuche hervor, die Hände packten entschlossen den Lenker. Exakt um 15:07:30 Uhr wuchtete sich Bradley Wiggins von der Startrampe in der Einfahrt des Hampton Court Palace auf den Kurs, 50:39 Minuten und 44 Kilometer später war er wieder zurück vor dem alten Königssitz im Südwesten Londons. Und Olympiasieger im Zeitfahren. Tony Martin lag da schon hinter der Streckensperrung und japste nach Luft. Wiggins war zwar 42 Sekunden schneller gewesen als der Deutsche, doch Martin sagte: „Nach all dem Mist in diesem Jahr bin ich einfach nur glücklich.“ Er gewann wie zuvor Judith Arndt im Frauen- Zeitfahren die Silbermedaille.

Wiggins wirkte dagegen fast entspannt, der Tour-de-France-Sieger hat dem Druck der ganzen Nation standgehalten. Die Operation Gold war eigentlich nie in Gefahr. Nach sieben Kilometern lag Martin zwar vier Sekunden vor ihm, aber dann zog der Brite konsequent an – und weg. Der 32-Jährige ist so zum erfolgreichsten britischen Medaillensammler bei Olympia aufgestiegen. Sieben Medaillen (vier goldene, eine silberne und zwei bronzene) hat Wiggins jetzt im Schrank, eine mehr als der Ruderer Steven Redgrave. Und ein Nachfolger ist schon in Sicht: Christopher Froome holte Bronze.

Wiggins Sattel ist mehr als 20 Zentimeter über dem Lenker, eine Haltung ähnlich eines Schwimmers beim Startsprung und das mit eng angelegten Armen. Der Brite hat diese Technik perfektioniert, trägt jetzt einen Stabilisator unter dem Trikot, der seine Hüfte ruhiger hält. Was Wiggins jetzt anders mache als vor einem Jahr, wurde Martin gefragt. „Das wüsste ich auch gerne“, antwortete der.

Aber auch für Martin war dieser Mittwoch wie eine Versöhnung mit einem verkorksten Jahr. 2011 war er der unumstrittene Meister des Zeitfahrens gewesen. Dieses Jahr lief es dagegen, als hätte sich alles gegen ihn verschworen. Verletzungen, Stürze, Verletzungen. „Unter diesen Umständen ist Silber riesig“, sagte Martin. „Und ich habe in vier Jahren ja noch einmal die Chance.“

Judith Arndt nicht mehr. Vielleicht brauchte sie deshalb ein paar Minuten, ehe ein Lächeln über ihr Gesicht huschte. Daneben stand Kristin Armstrong und weinte – vor Freude. Die Amerikanerin war noch einmal gut 15 Sekunden schneller als die 36-jährige Weltmeisterin aus Deutschland. Spätestens als Judith Arndt schon nach zehn Kilometern an der vor ihr gestarteten Straßensiegerin Marianne Vos vorbeiflog, spürte sie, dass sie bei ihren fünften und letzten Olympischen Spielen ihre dritte Medaille gewinnen würde. „Es gab einen einzigen Anstieg auf der Strecke und da habe ich alles reingeworfen“, keuchte sie im Ziel. Mit Erfolg. Jürgen Löhle

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