Radsport-WM : Neben die Pedale treten

In dieser Woche kommt die Radsport-WM nach Stuttgart. Sie soll ein Neuanfang sein - stattdessen wird die Veranstaltung erneut die Probleme der Sportart aufzeigen.

Mathias Klappenbach
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Stuttgart im Hintergrund. Radprofis bereiten sich am Dienstag auf dem anstrengenden Killesberg auf die Weltmeisterschaft vor. -

Berlin - Stuttgart ist stolz. Der Titel „Europas Hauptstadt des Sports 2007“ wird sehr ernst genommen. Die Weltmeisterschaften im Handball und Standard-Formationstanzen waren in diesem Jahr schon hier, die Turn-Weltmeisterschaften am Anfang des Monats waren ein großer Erfolg, am vergangenen Wochenende fand das Weltfinale der Leichtathleten statt. Und jetzt kommt in dieser Woche der Höhepunkt: die Rad-WM. Zumindest dachte man das, als sich die Stadt auch für diese WM bewarb. Doch nun gibt ein großes Risiko, dass Stuttgart und das Jahr 2007 in negativer Erinnerung bleiben könnten.

Ein Skandal bei der Rad-WM würde die ganze schöne Imagearbeit wieder zerstören. „Wir haben uns positioniert wie nie zuvor, das hat uns im In- und Ausland großen Respekt eingebracht“, sagte Stuttgarts Sportbürgermeisterin Susanne Eisenmann, die auch Organisationschefin der WM ist. In dieser Funktion hat sie dem Weltverband UCI abgerungen, dass so viele Dopingkontrollen wie noch nie durchgeführt werden. Mehr als 200 Trainingskontrollen im Vorfeld und weitere 130 Tests bei den Wettkämpfen sollen verhindern, dass es jemand riskiert, gedopt an den Start zu gehen und so für den gefürchteten Skandal zu sorgen. Eine Ehrenerklärung wie bei der Tour de France soll auch jeder unterschreiben, der mitfahren will. Das haben auch alle Profis getan, mit einer Ausnahme: dem Titelverteidiger Paolo Bettini. Der Italiener wehrt sich gegen die Abgabe seiner Gendaten durch ein Blutprofil oder die Unterzeichnung der ohnehin nicht als gerichtsfest geltenden Ehrenerklärung, weil er dadurch seine Persönlichkeitsrechte verletzt sieht. Bettinis Weigerung zeigt eine juristische Konfliktlinie auf, die bei den Anstrengungen gegen Doping demnächst noch eine größere Bedeutung bekommen könnte. Nun steht der Weltverband erst einmal vor dem aktuellen Problem, ob er beim Weltmeister eine Ausnahme machen soll oder nicht. „Ich würde mir wünschen, dass Ausnahmen nicht geduldet werden im Sinne eines glaubwürdigen Neunfangs“, sagt Susanne Eisenmann.

Wo es in ihrer Macht stand, hat sie für Stuttgart keine Ausnahme gemacht. Der einzige lebende deutsche Straßen-Weltmeister wurde erst als WM-Botschafter abgesetzt, eine Einladung für das Rennen am Sonntag hat Rudi Altig nun auch nicht erhalten. Wegen seiner eigenen Dopingvergangenheit und weil er auch schon mal für eine Freigabe von Doping plädiert. Zudem würde sich der 70-Jährige über einen bestimmten Nachfolger besonders freuen. „Für Erik wäre es zum Abschluss seiner Karriere doch das Größte“, sagt Altig. Den Start von Erik Zabel hatte Eisenmann nicht verhindern können, der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) nominierte den Freund von Präsident Rudolf Scharping trotz dessen Dopingbeichte. Der geläuterte und bei den Zuschauern beliebte Zabel soll den Neuanfang des Systems aus sich selbst heraus symbolisieren – es erscheint sogar möglich, dass er in der nächsten Saison zum T-Mobile-Team zurückkehrt, das einen harten Anti-Doping-Kurs verfolgt. Dennoch steht Zabel zumindest in dieser Woche für die Inkonsequenz, mit der der versuchte Neuanfang verbunden ist. Die WM ist von vielen Streitereien geprägt, und es gibt schon jetzt Verlierer.

Denn Zabel ist zwar dabei, Christian Henn aber nicht. Der Sportliche Leiter vom Team Gerolsteiner war auch für die WM vorgesehen, der ebenfalls geständige frühere Profi muss das Rennen aber „am Fernseher verfolgen“, wie er sagt. Das verärgerte Gerolsteiner-Profi Stefan Schumacher, der Ansprüche auf den Titel anmeldet und Zabel die Führungsrolle im Team streitig macht, weil ihm der Kurs besser liege. So haben die Italiener ihre besten Sprinter Alessandro Petacchi und Daniel Bennati gar nicht erst nominiert, weil sie nicht mit einer Massenankunft rechnen. Nur in diesem Fall hätte Zabel überhaupt eine Chance, vorne zu landen oder sogar doch einmal Weltmeister zu werden. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass sich die deutsche Mannschaft einig ist, welchen Fahrer sie unterstützt.

Wichtiger für die Zukunft wird zum Beispiel die heutige Entscheidung des Internationalen Sportgerichtshofs Cas darüber sein, ob der spanische Star Alejandro Valverde starten darf. Der Weltverband ist dagegen, weil er Indizien dafür hat, dass Valverde in die Dopingaffäre „Operacion Puerto“ verwickelt ist. Wenn es ihm das Gericht erlaubt, hat der Weltverband verloren. So wie Henn gegen den BDR, so wie Eisenmann gegen den BDR. So wie Altig gegen Eisenmann, so wie vielleicht Bennati gegen den Weltverband. Vielleicht gewinnt ja Erik Zabel.

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