Radsport : Zabel darf fahren - BDR-Vize geht

Das Mehrheits-Votum des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR) für einen WM-Start von Erik Zabel hat zu einem Bruch innerhalb des Verbandes geführt. Vize-Präsident Dieter Kühnle erklärte nach der Entscheidung seinen Rücktritt.

Andreas Zellmer,Marc Zeilhofer[dpa]

Berlin/StuttgartHinter den Kulissen des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR) rumort es unüberhörbar. Als Reaktion auf die seiner Meinung nach verfehlte Verbandspolitik im Umgang mit Doping ist BDR-Vize Dieter Kühnle zurückgetreten und hat seinen Präsidenten Rudolf Scharping scharf attackiert. Die WM in Stuttgart vom 25. bis 30. September, deren Ausrichtung nach Intervention des Bundesinnenministeriums lange ungeklärt war, hätte laut Kühnle einen Neuanfang im Anti-Doping-Kampf markieren sollen. Stattdessen werde im Verband "weiter gewurstelt wie bisher". Die Vorwürfe seien unverständlich, erwiderte Scharping, Kühnle bringe durch seine Äußerungen von ihm mitgetragene Verbandsentscheidungen in Misskredit.

"Die Generalrichtung, die Scharping vorgibt, kann ich nicht mehr glaubwürdig vertreten. Die Verbandsspitze hat den Ernst der Lage nicht erkannt und versäumt, durch einen Neuanfang ein deutliches Signal zu setzen", sagte Kühnle. Am Vortag hatte der BDR die umstrittenen Erik Zabel und Andreas Klöden mit 6:2 Stimmen im Vorstand für die WM nominiert. "Eine Gegenstimme ging auf mein Konto, von wem die zweite kam, behalte ich für mich", meinte Kühnle. Scharping, der als Zabel-Freund bekannt ist, enthielt sich der Stimme. Sein Arm reichte aber wohl doch sehr weit.

Scharping: "So funktioniert Demokratie"

"Die Modernisierung des BDR wird konsequent fortgesetzt, die Vorwürfe gegen den Präsidenten des BDR sind angesichts der kollegialen Entscheidung im Präsidium haltlos", erklärte Scharpings Vertreter Harald Pfab. "Alle Entscheidungen des BDR im Kampf gegen Doping wurden im Präsidium einstimmig getroffen. Gleiches gilt für die Umsetzung der beschlossenen Maßnahmen. Das Präsidium hat nach Stellungnahme jedes einzelnen Mitgliedes eine Entscheidung über den vorläufigen WM-Kader getroffen", hieß es in einer BDR-Erklärung. "So funktioniert Demokratie", sagte Scharping, der darauf hinwies, dass der vorläufig benannte Kader von 21 Fahrern am 18. September und unmittelbar vor Wettkampfbeginn noch zwei Mal auf am Ende neun WM-Starter reduziert würde.

"Wir hätten nach den letzten Vorfällen und nach dem Zabel-Geständnis einen Cut machen müssen und in Agenda 2012 auch im Hinblick auf die beiden folgenden Olympischen Spiele auf die Generation nach Telekom setzen müssen. Das wäre auch im Sinn des Deutschen Olympischen Sportbundes gewesen", sagte Kühnle, der seinen Rücktritt schriftlich einreichte und inzwischen als härtester Kritiker Scharpings gilt, den er 2005 als Leiter der Findungs-Kommission mit auf den Posten des BDR-Chefs gehievt hatte.

Stuttgart "alles andere als glücklich über Zabel-Nominierung"

Auch die WM-Organisatoren haben die Nominierung Zabels durch den BDR kritisiert. "Wir sind alles andere als glücklich über diese Entscheidung pro Zabel" sagte die Vorsitzende des Organisations-Komitees, Susanne Eisenmann, den "Stuttgarter Nachrichten". Die Sportbürgermeisterin der baden-württembergischen Landeshauptstadt hatte sich nach dem Geständnis Zabels, 1996 eine Woche das Dopingmittel Epo probiert zu haben, mehrfach gegen einen Start des 37-Jährigen ausgesprochen.

"Man muss sich im Sinne eines glaubwürdigen Neuanfangs fragen, ob das eine kluge Entscheidung war. Ich persönlich halte dies für keine", sagte Eisenmann. Die Stadt kann einen Start Zabels nicht verhindern, da keine aktuellen Verdachtsmomente gegen ihn vorliegen. "Wir müssen das akzeptieren und der BDR muss das in der Außendarstellung ausbaden", sagte Eisenmann, die gegen eine Nominierung Klödens nichts vorbrachte. Der Wahl-Schweizer hatte es mehrfach versäumt, gegen Doping glaubhaft Stellung zu beziehen. In seinen Zeiten bei Telekom und jetzt bei Astana sind ihm trotz offensichtlich flächendeckender Doping-Praxis in beiden Teams nie Unregelmäßigkeiten aufgefallen.

Zabel erhält keine VIP-Akkreditierung

Die WM-Organisatoren wollten nach den zahlreichen Doping-Enthüllungen im Profi-Radsport die Titelkämpfe als Neuanfang der höchst belasteten Sportart präsentieren. So gehört zu dem umfangreichen Maßnahmenkatalog, dass ehemalige Fahrer mit einer Dopingvergangenheit nicht mit einer VIP-Akkreditierung ausgestattet werden. So darf Zabel auf dem Kurs durch die Stuttgarter Innenstadt zwar seine Runden drehen, ist aber sonst eine unerwünschte Person.

Den Verband belasten vor den Titelkämpfen im eigenen Land nicht nur die Personalien Zabel und Klöden. Gegen Vize-Präsident Udo Sprenger, der in der ARD von einem anonymen Ankläger als Doping-Organisator in seinem früheren Team "Nürnberger" gebrandmarkt wurde und daraufhin Anzeige gegen unbekannt erstattete, ermittelt die Staatsanwaltschaft. Dazu soll U23-Bundestrainer Bernd Dittert in seiner aktiven Zeit gedopt haben. Beide führen ihre Ämter weiter.

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