Sport : Rätsel um Rusty

Experten streiten, ob Salzgebers Pferd bewusst gedopt wurde

Andreas Morbach

Köln. Namen spielen für Wilhelm Schänzer keine Rolle. Das gilt zumindest für seine tägliche Arbeit, wie Deutschlands berühmtester Dopinganalytiker gestern unter Beweis stellte. Da saß der Mann in der Deutschen Sporthochschule Köln und wusste noch gar nichts von der positiven A-Probe bei Rusty, dem Erfolgspferd der Weltranglisten-Ersten Ulla Salzgeber. Der Fall hatte tags zuvor die Reitsportszene aufgeschreckt. Für Schänzer ist es eben nur eine positive Probe mehr. „Einzelne Fälle interessieren mich nicht so sehr."

Doping ist im Reitsport sozusagen an der Tagesordnung. „Es gibt eine Vielzahl von positiven Befunden", sagt der Leiter des Instituts für Biochemie an der Sporthochschule und erzählt von den Testergebnissen, die er unter anderem im Auftrag der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) ermittelt. „England, Irland, Frankreich, Italien" - die Liste der Fundorte, nicht zuletzt gut gefüllt durch den Galoppsport, ist lang, jetzt kommt mit Salzgeber eben der Name der prominentesten deutschen Dressurreiterin und ihres 15-jährigen Wallachs Rusty hinzu. Bei ihm wurde nach dem Sieg im Weltcup-Finale in Göteborg Ende März ein überhöhter Testosteron-Wert in der A-Probe festgestellt. Das Ergebnis der B-Probe steht noch aus.

Salzgeber sagte, ihr Schweizer Heimtierarzt Hans Stihl habe Mitte März eine Hauterkrankung des Pferdes mit dem Präparat Testosteron-Proprionat behandelte und ihr darüber, „wie bei Kleinigkeiten seit acht Jahren üblich, nichts gesagt". Der deutsche Mannschafts-Tierarzt Björn Nolting erklärte, dass Testosteron-Proprionat in Kombination mit anderen Präparaten auch bei Hautkrankheiten benutzt werde. „Das regt den Stoffwechsel an.“ Andere Tierärzte äußerten sich hingegen skeptisch. Michael Paar von der „Klinik für Pferde“ in Sottrum sagte im Bremer „Weser-Kurier“, die Behandlung einer Hautkrankheit bei Pferden mit Testosteron sei „mit Sicherheit sehr ungewöhnlich“.

So sieht es auch Schänzer. Testosteron ist ein anaboles Steroid, steht auf der Dopingliste, ist also verboten. „Wird ein bestimmter Wert überschritten, kann das nur durch unerlaubte Mittel zustande gekommen sein", betont Schänzer. Umso mehr gelte das bei einem kastrierten Hengst wie Rusty: „Ein Wallach hat gar keine Testosteron-Produktion." Es muss also von außen zugeführt werden.

Allerdings: Bei Sportpferden gibt es eigentlich keine Liste verbotener Substanzen. So kann etwa mit Hilfe von Testosteron der Alterungsprozess eines Pferdes verlangsamt werden. Nur im Wettkampf ist die medizinische Behandlung der Pferde stark eingeschränkt, bei einer Medikationskontrolle dürfen Grenzwerte nicht überschritten werden. Trainingskontrollen gibt es nicht. Im offiziellen Statement der Deutschen Reiterlichen Vereinigung zum Fall Salzgeber heißt es denn auch: „Nach der internationalen wie nationalen Rechtsordnung ist die medizinische Behandlung eines Pferdes zwischen zwei Turnieren vollkommen legitim. Entscheidend ist, dass das Pferd zum Zeitpunkt des Wettkampfs gesund und frei von Rückständen verbotener Substanzen ist." Und das war bei Rusty eben nicht der Fall. Warum auch immer.

Fahrlässig war das Verhalten der Beteiligten allemal, und der Kölner Sporthistoriker Karl Lennartz wertet Salzgebers Aussage als „eine der üblichen Entschuldigungen“. Doping komme aus dem Pferdesport. Angefangen habe es um 1900, bei Galopprennen. „Koffein oder Strychninsulfat waren beliebte Mittel, um die Pferde vor dem Rennen aufzuputschen."

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