Sport : Rätselhaftes Gold

Eine Olympiamedaille Jesse Owens’ wird versteigert, doch Historiker bezweifeln, dass es seine ist.

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Berlin - In diesen Tagen wird sie wieder erzählt, die große Erzählung des Jesse Owens. Die Geschichte des schwarzen US-Leichtathleten, der mit seinen vier Goldmedaillen bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin im Alleingang die Rassenideologie der Nazis ad absurdum führte. Auch die Regisseurin Leni Riefenstahl kam in ihren Olympiafilmen nicht an Owens vorbei, woraufhin der Kabarettist Werner Finck reimte: „Dem Führer zeigt die Leni dann, was deutsche Filmkunst alles kann. Da sah er dann im Negativ, wie positiv der Neger lief.“

Erzählt wird diese Geschichte in diesen Tagen in Filmen großer TV-Stationen, bei Fox News, bei der ABC, bei der BBC, und auch in Europa berichteten viele Zeitungen darüber. Der Anlass: Das kalifornische Auktionshaus „SCP Auctions“ versteigert bis Samstag eine der vier Goldmedaillen von Owens.

Spekuliert wird, dass diese Medaille das erste olympische Sammelobjekt sein könnte, das mehr als eine Million US-Dollar erzielt. Am späten Mittwochabend lag das höchste von bisher 19 Geboten für das Los mit der Nummer 365 bei 305 806 Dollar. Zuletzt hatte sich sogar der oberste Olympionike dazu geäußert. Es sei „schwer zu akzeptieren“, dass ein „Teil der Weltgeschichte“ verhökert werden solle, ereiferte sich Thomas Bach unlängst. Womöglich aber kann sich der IOC-Präsident wieder beruhigen, denn es könnte sein, dass die Medaille gar nicht von Jesse Owens stammt.

Die Profis im Geschäft mit olympischen Memorabilia schütteln jedenfalls nur den Kopf über den Vorgang. „Meiner Meinung nach ist das ein billiger Werbegag“, sagt Wolfgang Fuhr, Chef des Auktionshauses „AGON“ in Kassel, das sich auf historische Sportobjekte spezialisiert hat. „Das kann jeder behaupten, dass dies die Medaille von Owens ist“, sagt er und warnt vor den vielen Gaunern in diesem Metier: „Die ganze Welt besteht aus Betrügern.“

Nun liest sich die Provenienz dieser Medaille ja zunächst schlüssig. Eingeliefert hat sie laut Auktionshaus die Familie von Elaine Plaines-Robinson. Das war die Witwe des berühmten Stepptänzers Bill Robinson, der Owens nach 1936 finanziell unterstützte. Zum Dank soll der ihm alle vier Medaillen geschenkt haben.

Wie wacklig diese Erklärung in Wirklichkeit ist, zeigt ein Blick in die Standardwerke des olympischen Sports. So beschreibt der Sporthistoriker Volker Kluge in seiner 1997 publizierten Chronik der Olympischen Sommerspiele, die Owens-Medaillen seien allesamt 1960 gestohlen worden, als sie in den USA ausgestellt worden waren. Owens habe Ersatz erhalten, und zwar in nur wenigen Tagen: Der damalige Präsident des Nationalen Olympischen Komitees für Deutschland, Karl Ritter von Halt, ließ demnach vier Replikate in einer Pforzheimer Goldschmiedewerkstatt erstellen (die laut Auktionator Fuhr allerdings deutlich leichter als die Originale sind). „Ich mache es schon deshalb, um die böswillige Kritik zum Verstummen zu bringen, Jesse Owens sei 1936 im Olympiastadion schlecht behandelt worden, weil er ein Farbiger ist“, sagte damals von Halt, der frühere Reichssportführer. „Daran ist kein Wort wahr.“

In einem aktuellen Kommentar für die Zeitschrift „Journal of Olympic Society” präzisiert Sporthistoriker Kluge das noch; damals habe das deutsche NOK prompt auf eine Anfrage des olympischen Komitees der USA reagiert. Wie könne das Auktionshaus sicherstellen, dass diese Medaille tatsächlich eine derjenigen sei, die Owens einst gestohlen worden sei, fragt er rhetorisch. „War sein Name auf der Medaille? Oder konnte seine DNA darauf gefunden werden?“ Schließlich seien in Berlin rund 300 Goldmedaillen verliehen worden, und jede Medaille glich der anderen, weil nicht einmal die Sportart auf den Medaillen notiert wurde. Sicher sei nur dies, so Kluge: dass es sich bei dem Objekt tatsächlich um eine echte Goldmedaille von 1936 handele. Genauso sieht es Wolfgang Fuhr. Der Auktionator sagt, dies seien die alltäglichen Probleme im Geschäft mit Erinnerungsstücken. Wenn jemand komme und sage: „Das ist das Trikot von Pelé aus dem WM-Finale von 1970“, könne das nur schwer belegt werden. Ein bisschen Glauben an die Beteuerungen muss man da schon mitbringen. Den wird auch derjenige brauchen, der die Goldmedaille am Ende ersteigert. Denn ob sie tatsächlich einmal Jesse Owens gehörte, wird sich wohl kaum noch mit Sicherheit feststellen lassen. Erik Eggers

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