Rafael Nadal : Zum Sabbat verdammt

Rafael Nadal weiß selbst nicht, ob und wann er je wieder Tennis spielen wird.

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Schmerz lass nach. Auf dem roten Sand der French Open quälte sich Rafael Nadal in diesem Jahr noch zum Turniersieg – danach streikte sein Körper endgültig. Foto: AFP Foto: AFP
Schmerz lass nach. Auf dem roten Sand der French Open quälte sich Rafael Nadal in diesem Jahr noch zum Turniersieg – danach...Foto: AFP

Manche Menschen sehnen sich nach einer Auszeit. Einfach mal raus, die Tasche packen und für ein paar Monate irgendwo hin, wo die Sonne immer scheint. Wo man zur Ruhe kommt und endlich mal Zeit für sich hat. Raus aus dem Trott, der täglichen Hetze, und dem ständigen Streben, immer besser sein zu müssen als die anderen. Einfach mal weg, aussteigen. Rafael Nadal hat seit drei Monaten viel von jener Zeit, um die ihn mancher beneidet, und er hätte sie nach elf anstrengenden Jahren auf der Tennistour sicherlich verdient. Aber Nadal hat inzwischen mehr Zeit, als ihm lieb ist. Denn der 26 Jahre alte Mallorquiner hat sich kein freiwilliges Sabbatical genommen. Es ist eine Zwangspause, die sich auf unbestimmte Zeit zu verlängern droht.

Auf den Fotos, die er von sich veröffentlicht, sieht man den Spanier beim Jetskifahren in seiner Heimatstadt Manacor auf Mallorca, auf dem Boot beim Angeln, mit der Familie und Freundin im Arm. Man sieht ihn beim Abendessen in trauter Runde, beim Golfschwung in malerischer Abendstimmung, und immer lächelt Rafael Nadal dabei. Er hat zum ersten Mal in seinem Leben die Gelegenheit, ein bisschen von jenem normalen Leben nachzuholen, für das ihm der streng durchorganisierte Tourkalender bisher nur selten Zeit gelassen hat. Und auf eine Weise genießt er dieses freie Leben im Moment auch. Nadal ist ein Familienmensch, er hat immer noch die Freunde aus seiner Kindheit um sich, denen er vertraut. Und diese Nähe tut ihm gut. Dennoch ist sein Lächeln in den letzten Wochen anders geworden, es strahlt nicht so glücklich, wie es das sonst tut. Wenn er mit breitem Grinsen in einen Siegerpokal beißt.

Nadal ist zum Zuschauen verdammt, das ist für ihn das Schlimmste. Keine Olympischen Spiele, keine US Open. „Das war sehr hart, ich war zwei Wochen lang sehr, sehr traurig“, sagte er vier internationalen Journalisten in einem Interview. Das Hoffa-Syndrom, eine Schwellung des Fettgewebes unterhalb der Patellasehne des Knies, hindert Nadal daran, das zu tun, was ihm das Liebste ist: Tennisspielen. Dieses leere Gefühl kann ihm nicht einmal seine Familie ausfüllen. Er will einfach nur spielen.

Doch wann er dem Spieltrieb wieder nachgehen kann, ist offener denn je. „Ich muss erst einmal völlig auskuriert sein, total gesund werden, bevor ich entscheide, wann und wo ich wieder spiele“, sagte Nadal. In dieser Saison wird das auf keinen Fall mehr sein, das Tour-Finale in London und auch das Davis-Cup-Endspiel finden ohne ihn statt. Selbst sein Antritt bei den Australian Open im Januar 2013 ist noch ungewiss: „Ich hoffe auf Australien, aber auch das kann ich nicht mit Sicherheit sagen.“ Nadal tut sich langsam schwer mit der Geduld, es sei schließlich keine Verletzung, die „wie ein Armbruch ist, wo man weiß, dass du nach ein paar Wochen zurück bist“. Schwimmen, Fitnesstraining, Massagen, mehr kann Nadal derzeit nicht tun.

Die Knie waren schon immer sein wunder Punkt. Schon als er mit 16 Jahren auf die Profitour kam, wurde darüber spekuliert, wie lange Nadal überhaupt würde spielen können. Denn mit seinem kräftezehrenden Spiel betrieb der Spanier von jeher Raubbau an seinem Körper, die Hartplätze setzten ihm umso mehr zu. Manchmal würde er sich jene Leichtigkeit, mit der Roger Federer spielt, wünschen, denn der Schweizer kann auch mit 31 Jahren von den Spielen in Rio in vier Jahren träumen.

Für Nadal scheint das utopisch. Dass er mit 30 Jahren noch fit genug ist für Profitennis, daran mag niemand so recht glauben. Nadal aber klammert sich an diese Hoffnung, redet sich ein, diese Zwangspause könnte die Frist für sein Karriereende verlängern. Doch selbst zu seinem siebten Titel bei den French Open hatte er sich nur unter Schmerzen und dem Einfluss von Medikamenten gequält. Bis dahin hatte Nadal das Gefühl, es sei mit „die beste Saison meines Lebens“ gewesen. Nun sitzt er beim Angeln.

Preise bekommt er trotzdem, wie den der spanischen „Vanity Fair“ als einflussreichste Person des Landes. Von solchen Auszeichnungen fühlte sich Nadal zwar stets geehrt, doch sonderlich wichtig waren sie ihm nie. Auch für sein Geld interessiert er sich nicht wirklich, wie viel der Multimillionär tatsächlich besitzt, darüber weiß nur sein Vater Bescheid. Wichtig war ihm immer nur Tennis, dafür hat er alles gegeben. Auch seine Gesundheit. Doch aufgeben will Nadal nicht, er kann es nicht. „Ich bin zur Gegenwehr, zum Kampf erzogen worden“, sagt er trotzig. „Das wird sich nie ändern.“

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