Sport : Rafael van der Vaart, Schattenspitze

Der 21-jährige Niederländer spielt schön und effizient zugleich

Stefan Hermanns

Das schönste Tor seiner Karriere hat Rafael van der Vaart im November 2003 erzielt. Von der linken Seite senkte sich ein Flankenball in seinen Rücken, van der Vaart warf sich nach vorne, zog die Hacke des linken Fußes nach oben und lenkte den Ball in die lange Ecke des gegnerischen Tores. Fritz Walter hat 1956 im Leipziger Zentralstadion ein ähnliches Tor geschossen – in einem Freundschaftsspiel gegen Wismut Aue. Van der Vaart erzielte seinen Treffer in der holländischen Meisterschaft gegen den ewigen Rivalen Feyenoord Rotterdam. Es war das 1:0, am Ende gewann Ajax 2:0.

Das ist wichtig, weil es einiges aussagt über Rafael van der Vaart. Der 21-Jährige vereint die holländische Lust am schönen Spiel mit einer landesuntypischen Effizienz. Beim letzten Länderspiel zwischen Deutschland und Holland im November 2002 wurde van der Vaart zur Pause eingewechselt. Nur fünfmal berührte er in der zweiten Halbzeit den Ball. Doch das reichte, um eine Großchance für van Nistelrooy einzuleiten und das 2:1 durch Hasselbaink anzubahnen. Die Fußballzeitschrift „Hard Gras“ hat über ihn geschrieben: Er braucht nicht viele Ballkontakte, um Eindruck zu machen.

In den Niederlanden gilt van der Vaart als der nächste große Star. Er ist der beste Spieler der Liga. Und obwohl er erst 21 ist, zählt er schon nicht mehr zu den Talenten im engeren Sinne. Der Nationalmannschaft gehören mit Sneijder, de Jong, Robben, van Persie und Heitinga Spieler an, die noch jünger sind als er. Gerade 17 war van der Vaart bei seinem Ligadebüt für Ajax, 18 bei seinem ersten Spiel in der Nationalelf. Van der Vaart sagt über sich: „Ich habe mich in den letzten Monaten zu einem Führungsspieler entwickelt.“ Im Verein trägt er die Kapitänsbinde, in der Nationalmannschaft das Trikot mit der Nummer 10. Doch van der Vaart ist weniger Spielmacher als Spielentscheider.

Am liebsten spielt er hinter den Stürmern, schaduwspits werden solche Spieler in Holland genannt, Schattenspitzen. Doch als bei Ajax mehrere Angreifer verletzt ausfielen, hat Rafael van der Vaart auch ganz vorne im Sturm ausgeholfen. Der 21-Jährige verbindet Torinstinkt mit Übersicht, dazu kann er mit seinem linken Fuß ebenso hart wie präzise schießen, vor allem Freistöße.

Die beiden größten holländischen Fußballer – Johan Cruyff und Ruud Gullit – sind zu ihrer Zeit auch zwischen Mittelfeld und Angriff gewandelt. Van der Vaart wird am ehesten zugetraut, diese Ruhmesreihe fortzusetzen. Wie Cruyff und Gullit wird er bald ins Ausland wechseln, vielleicht schon nach der EM. Bayern München hat sein Interesse geäußert, eine echte Chance haben die Bayern aber wohl nicht. Van der Vaarts Mutter ist Spanierin, sein Großvater Anhänger von Real Madrid.

Bis zur Fußball-EM stellen wir Ihnen aus jedem Team einen Spieler vor, dem wir eine entscheidende Rolle zutrauen.

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