Sport : Rafael van der Vaart

Wie Hamburgs Kapitän das Spiel in Bochum erlebte

Richard Leipold

Die Verantwortung lastet auf den Schultern von Rafael van der Vaart, der tiefsitzende Frust zehrt an seinen Nerven. Eine Weile vermag der Mannschaftskapitän des Hamburger SV dieser Doppelbelastung beim Spiel in Bochum zu trotzen. Er versucht, Zusammenhalt herzustellen, zu lenken, Orientierung zu geben. Alles wie immer. Gegen Ende der ersten Halbzeit scheint es gar so, als könnte er die Widersacher aus Westfalen mit seiner spielerischen Klasse, mit einem Hauch von Kunst beeindrucken. Der Ball kommt zu van der Vaart, und der Niederländer lupft ihn gefühlvoll weiter Richtung VfL-Strafraum, Daniel Ljuboja vollendet das Werk mit einem Kopfball unter die Torlatte. In Bochum fällt der 1:1-Ausgleich, und van der Vaart wirkt wie einer, der im Abstiegskampf mutig voranschreitet, einer, an dem die Kollegen sich aufrichten können.

Aber dann wird in der 80. Spielminute aus dem Vorarbeiter ein armer Sünder, der um Nachsicht bitten muss. In der Nähe des Mittelkreises tritt van der Vaart dem Bochumer Stürmer Tommy Bechmann von hinten brutal in die Beine. Eine realistische Chance, an den Ball zu kommen, hatte er in dieser Szene nicht. Schiedsrichter Wolfgang Stark aus Landshut zeigt dem Übeltäter die Rote Karte – unbeeindruckt davon, dass van der Vaart selbst noch vor seinem Abmarsch vom Platz vom Bochumer Zvjezdan Misimovic mit beiden Händen vor die Brust gestoßen wird und danach kurz zu Boden sinkt.

Die letzten Minuten des Spiels nehmen ohne den Anführer des HSV ihren Lauf. Van der Vaarts Frust ist an diesem Nachmittag stärker als der Wille, die Partie abermals zu drehen. Der HSV verliert 1:2. „So ein Foul, das geht überhaupt nicht, schon gar nicht als Kapitän“, schimpft später der Hamburger Trainer Thomas Doll.

Als der Kapitän das sinkende Schiff verlassen muss, wird er zu einer Symbolfigur des Niedergangs. Die Signalfarbe Rot vor Augen schreitet Rafael van der Vaart schnurstracks hinunter in die Katakomben des Bochumer Stadions. Nachdem er sich in der Kabine gesammelt hat, tritt van der Vaart tapfer vor die Reporter. Er gibt zu, „einen Fehler gemacht“ zu haben, und entschuldigt sich dafür. Ob in der Winterpause neue Spieler angeworben werden müssten, fragt jemand. Und van der Vaart antwortet: „Wenn man Achtzehnter ist, braucht man Verstärkung.“ Noch ist der HSV Siebzehnter.

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