Sport : „Rahn schießt...“

Zum 50. Jahrestag des deutschen Weltmeistertitels von 1954 sind zahlreiche Bücher erschienen – wir stellen acht von ihnen vor

Stefan Hermanns

Kein Sportereignis hat die Deutschen so sehr bewegt wie der Gewinn der Fußball- Weltmeisterschaft 1954. Am 4. Juli jährt sich das 3:2 der deutschen Nationalmannschaft gegen Ungarn zum 50. Mal. Etliche Bücher sind aus Anlass des Jubiläums auf den Markt gekommen. Eine Auswahl.

* * *

Es ist seltsam, dass der Deutsche Fußball-Bund zur WM von 1954 keine staatstragende Darstellung seiner Heldentaten herausgebracht hat. Der Aufkleber „Das offizielle DFB-Buch“ prangt stattdessen auf den Erinnerungen des Reporters Rudi Michel. Man sollte solche offiziellen Bücher mit Skepsis betrachten, weil sie sich häufig der unkritischen Heldenverehrung verschreiben. Michels Vorzug ist, dass er die Mannschaft von 1954 gekannt hat wie kaum ein Zweiter. Es sind Details am Rande, die dieses Buch ausmachen: zum Beispiel Michels Bekenntnis, dass er wie die meisten deutschen Fans im Stadion die erste Strophe der Nationalhymne gesungen hat – „weil die dritte kaum einer konnte“. Das Schönste an dem Buch sind die vielen Fotos aus dem Archiv der Deutschen Presse-Agentur.

Rudi Michel: Deutschland ist Weltmeister! Meine Erinnerungen an das Wunder von Bern. Südwest, 223 Seiten, 19,95 Euro.

* * *

Das schönste Foto vom Berner Finale findet sich nicht in Michels Buch, sondern auf dem Titel der Bildchronik „Rahn schießt …“: Es zeigt die deutschen Spieler beim Torjubel, Hans Schäfer hat seine Arme um seine beiden Nebenleute gelegt, und am Turm des Wankdorfstadions wird der Spielstand aktualisiert: Es ist der Moment, in dem die Tafel mit der 2 über „Deutschland“ umklappt. 150 Fotos enthält der Bildband, die meisten stammen von einem privaten Sammler, der in 40 Jahren 2500 Fotos von der WM 1954 zusammengetragen hat. Allein vom letzten Tor des Turniers, von Helmut Rahns 3:2, gibt es 140 verschiedene, acht sind in „Rahn schießt …“ zu sehen.

Wolfgang Fuhr (Hg.): Rahn schießt … Tor, Tor, Tor! Die besten Bilder der Fußball- WM 1954. Agon, 104 Seiten, 19,54 Euro.

* * *

„Helmut Rahn war der Auslöser des Jubels. Herbert Zimmermann ist der Auslöser des Taumels“, hat Rudi Michel gesagt. Mit seiner Schilderung des Finales („Aus! Aus! Aus! Das Spiel ist aus!“) hat der Radioreporter Zimmermann entscheidend zur Mythenbildung beigetragen. Erik Eggers, Mitarbeiter des Tagesspiegel, erzählt in seiner Biographie mit dem Titel „Die Stimme von Bern“ das Leben Zimmermanns: seinen Werdegang vom Kriegs- und Frauenhelden zur Reporterlegende. Nebenher hat er auch ein Stück Mediengeschichte geschrieben – die Geschichte, wie das Radio immer mehr Bedeutung an das neue Medium Fernsehen einbüßte. 1966 kommentierte Zimmermann zum letzten Mal ein WM-Finale. Vom Wembley-Tor aber haben sich nicht seine Worte ins kollektive Gedächtnis eingebrannt, sondern die des Fernseh-Kollegen Michel („Nein! Kein Tor! Oder doch?“). Im selben Jahr kam Zimmermann bei einem Autounfall ums Leben. Die Umstände wurden nie geklärt.

Erik Eggers: Die Stimme von Bern. Das Leben von Reporterlegende Herbert Zimmermann. Wißner-Verlag, 284 Seiten, 8,90 Euro.

* * *

Das Buch mit der ungewöhnlichsten Entstehungsgeschichte ist „Das Wunder von Bern. Spieler – Tore – Hintergründe“. Der Autor Andreas Bauer hat schon Mitte 2001 angefangen, auf der Internetseite www.wunder-von-bern.de allerlei Informationen über die WM 1954 zusammenzutragen – und daraus schließlich ein Buch gemacht. Zum Einstieg in die Materie ist es durchaus geeignet, zur Vertiefung in das Thema taugt das sprachlich biedere Werk nur bedingt.

Andreas Bauer: Das Wunder von Bern. Spieler – Tore – Hintergründe. Wißner- Verlag, 192 Seiten, 8,90 Euro.

* * *

Es spricht nicht gerade für ausgeprägten Einfallsreichtum, ein Buch über die WM 1954 „Das Wunder von Bern“ zu nennen (siehe oben). Zumal es eigentlich um die „Wunde von Bern“ geht. Denn was dieses Buch aus den vielen Veröffentlichungen zum Jubiläum heraushebt, ist, dass Kasza den Blick auch auf die Ungarn richtet, für deren Geschichte Bern ebenso wichtig war wie für die Bundesrepublik – nur andersherum. „Das Spiel wurde für Deutschland zum Wunder, für Ungarn zur nationalen Katastrophe“, schreibt Kasza.

Peter Kasza: Das Wunder von Bern. Fußball spielt Geschichte. Be.bra-Verlag, 224 Seiten, 22 Euro.

* * *

Das Finale von Bern ist immer schon mehr als ein Fußballspiel gewesen. Oder: Es ist irgendwann zu mehr gemacht worden. „Die Gründung der Bundesrepublik im Wankdorf-Stadion zu Bern“ heißt der Untertitel des Buches „3:2 für Deutschland“ von Arthur Heinrich. In dem Werk selbst greift Heinrich diese Behauptung jedoch nirgendwo mehr auf, geschweige denn, dass er sie belegt. Die These vom WM- Gewinn als eigentlichem Gründungsakt der Bundesrepublik wird gemeinhin dem Historiker Joachim Fest zugeschrieben; in Wirklichkeit hat Fest einmal gesagt: Die Bundesrepublik habe drei Gründungsväter gehabt, Adenauer im politischen Bereich, Erhard im wirtschaftlichen und Fritz Walter im mentalen. In diesem Sinne ist auch Heinrich zu verstehen: „In Deutschland war am Abend des 4. Juli ein neues Gemeinschaftsgefühl entstanden.“ Einen neuen Nationalismus habe das Wunder von Bern aber nicht begründet.

Arthur Heinrich: 3:2 für Deutschland. Die Gründung der Bundesrepublik im Wankdorf-Stadion zu Bern. Die Werkstatt, 207 Seiten, 16,90 Euro.

* * *

„Das 3:2 hat in der Bundesrepublik (…) die restaurativen Kräfte gestärkt und die Emanzipation der Bürger nicht gefördert, (…) sondern wohl eher behindert“, schreibt Jürgen Bertram in seinem Buch „Die Helden von Bern“. Der Fernsehjournalist, der sich schon vor 30 Jahren zum ersten Mal mit dem 54er Finale beschäftigt hat, schildert die ganze Geschichte, mit Vor- und Nachspiel, und er ist eitel genug, seine eigene Geschichte einfließen zu lassen. Bertram ist ein Kenner des Wunders, er hat mit vielen Protagonisten gesprochen. Besonders lesenswert sind die Kapitel über Jupp Posipal und Werner Liebrich, der kurz vor dem Kriegsende als Deserteur zum Tode verurteilt wurde und der Vollstreckung des Urteils nur durch die Kapitulation entging.

Jürgen Bertram: Die Helden von Bern. Eine deutsche Geschichte. Scherz, 256 Seiten, 19,90 Euro

* * *

Wer glaubt, schon alles zu wissen über das Wunder von Bern, der sollte Band 5 der Agon-Reihe WM-Geschichte lesen. Darin steht sogar alles, was man nicht wissen muss: die Kader aller 16 Teilnehmer, jedes Spiel der Endrunde, aber auch ausführliche Berichte zu allen 13 Qualifikationsgruppen.

Jessen/Stahl/Eggers/Schlüper: Fußball- Weltmeisterschaft 1954 Schweiz. Das Wunder von Bern. Agon, 160 Seiten, 24 Euro.

0 Kommentare

Neuester Kommentar