Rainer Schmidt : Tischtennis ohne Hände und Arme

Der deutsche Tischtennisspieler Rainer Schmidt hat bei sieben Paralympics-Teilnahmen vier Medaillen gewonnen. Nach den Spielen von Peking tritt der 43-Jährige ab und wird dann nur noch in seinem Hauptberuf wirken - als evangelischer Pastor in Bonn.

Benedikt Voigt[Peking]
Paralympics - Tischtennis - Rainer Schmidt
Platz 4 zum Karriereende. Tischtennisspieler Rainer Schmidt verpasst bei seinen letzten Paralympics eine Medaille nur knapp.Foto: dpa

Seit Montagabend kennt auch der Pekinger Taxifahrer Zhao Yun den Tischtennisspieler Rainer Schmidt.  „Ich habe ein Spiel von ihm im Fernsehen gesehen“, erzählt der Chinese, während er sein Taxi durch den Feierabendverkehr steuert. Der Taxifahrer zeigt abwechselnd auf seinen rechten und linken Arm sowie sein rechtes Bein, und macht dabei eine abschneidende Handbewegung. Und sagt: „Dieser Deutsche spielt sehr gut“. Damit hat er Rainer Schmidt zumindest äußerlich beschrieben: Keine Arme, kein rechtes Bein - aber eine verdammt gefährliche Rückhand.

Seit Montagabend ist der paralympische Tischtennisspieler Rainer Schmidt ein Star in China. An diesem Abend hat der staatliche Sportsender CCTV 5 zur besten Sendezeit vor einem Millionenpublikum sein Gruppenspiel gegen den Brasilianer Carlo Franco Michell live übertragen. Seitdem wird er um Autogramme gebeten und in der Mixed Zone von chinesischen Journalisten aufgehalten. Ein chinesischer Volunteer wollte nicht ihn sondern seinen Tischtennisschläger fotografieren -  eine Spezialanfertigung, die er um seinen linken Oberarm schnallt. Rainer Schmidt, der durch einen seltenen Geburtsfehler ohne Unterarme und rechtem Bein zur Welt kam, überrascht das nicht.

Im Hauptberuf Pastor in Bonn

„Es ist natürlich schon spektakulär, dass ich ohne Hände und Arme Tischtennis spiele“, sagt er. Seit Donnerstagabend allerdings nicht mehr als Leistungssportler. Die 1:3-Niederlage gegen den Holländer Nico Blok im Spiel um Platz drei der Klasse sechs ist das letzte seiner Karriere gewesen. Fortan wird der 43 Jahre alte „Ohnhänder“, wie er sich nennt, nur noch in seinem Hauptberuf wirken: Als evangelischer Pastor am Pädagogisch-Theologischen Institut in Bonn.

Dem Tischtennis dürfte er als Hobbyspieler und eventuell Botschafter des Behindertensportes erhalten bleiben. „Ich kenne den Behindertensport in- und auswändig“, sagt er, „ich mache mir Gedanken, welche Funktionen diese Erfolgserlebnisse haben gerade für Menschen, die prädestiniert sind über ihre Einschränkungen und Grenzen definiert zu werden.“ Er weiß, wovon er redet. Bei sieben Teilnahmen an Paralympischen Spielen hat er vier Medaillen gewonnen, darunter Einzel-Gold 1992 in Barcelona. Er hat die Entwicklung der Spiele für Körperbehinderte zu einem gleichwertigen Partner der Olympischen Spiele miterlebt. „Wir Sportler glauben, die zaubern hier in Peking“, sagt er, „so stelle ich mir die Olympischen Spiele vor, es kann nicht perfekter sein.“ Der Blick zurück ist erfüllt von Stolz und Wehmut. „Vom behinderten Kind zum erfolgreichen Mann, ich fürchte, ich habe es Tischtennis zu verdanken“, sagt er.

Er hat seine Erfahrungen in zwei Büchern verarbeitet, die durchaus erfolgreich sind. Das Buch „Lieber Arm ab, als arm dran -  Grenzen haben, erfüllt Leben“ wird sogar in China verkauft. Allerdings ist es von dort nicht möglich, seine Webseite aufzurufen. Die Zensur hat sie gesperrt. Rainer Schmidt wundert sich: „Ich weiß nicht, welche Ängste da bestehen, es sind keine verwerflichen Inhalte darauf.“ Er hatte sich im Vorfeld in Interviews gelegentlich kritisch zum Thema Tibet und Menschenrechte in China geäußert.

Schmidt hat zwei Bücher geschrieben

Doch die Botschaften des Pastors betreffen vor allem den Umgang mit Behinderten. Oder so definierten Behinderten, wie er sagen würde. „Es gibt normale Fähigkeiten und unnormale Fähigkeiten, aber das ist alles eine Definitionsfrage“, sagt er. Krankenkassen würden solche Definitionen vielleicht brauchen. „Aber im Umgang miteinander spielt das keine Rolle“, sagt er, „wenn sie so definierte Menschen mit Behinderungen näher kennen, wird ihnen die Behinderung bald nicht mehr auffallen – dann ist das nur noch der Rainer oder der Thomas.

Auch liegt ihm die vorgeburtliche Diagnostik sehr am Herzen. „Ich mahne zu Vorsicht, weil es um die Bewertung des menschlichen Lebens geht“, sagt der Pastor, „kein Handicap sollte dazu führen, ein Leben vorzeitig zu beenden.“ Als er zur Welt kam, gab es die vorgeburtliche Diagnostik nicht. „Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass mich meine Eltern gewollt hätten.“ Denn als sein Bruder eineinhalb Jahre später geboren wurde, waren die Ursachen seiner Behinderung – eine Ablösung der inneren Haut der Gebärmutter -  noch nicht näher bekannt. „Sie hatten die große Sorge, ob er die gleiche Behinderung habe würde wie ich.“ Seine Eltern entschieden sich trotzdem dafür, seinen Bruder Edgar zu bekommen. „Er sieht gut aus, zwei Arme, zwei Beine, blaue Augen, der ist tipptopp“, sagt Rainer Schmidt. Aber auch das wäre eine Definitionsfrage, Tischtennisspielen zum Beispiel kann er nicht. Im Gegensatz zu seinem Bruder. Rainer Schmidt erzählt: „Ich schlage ihn, aber locker.“


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