Sport : Raketen, Safes und Nebelsuppe

Am Mittwoch trifft Hertha BSC auf den Weltklub Real Madrid. Das Olympiastadion ist ausverkauft. Große Gegner hatte Hertha hier schon viele. Ein Blick in unser Archiv

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16. 10. 1963, 1. Runde Messepokal, AS Rom 1:3 (1:1)

Es hätte ein großes Datum werden können: Das erste offizielle Europapokalspiel von Hertha BSC. Und das auch noch gegen den italienischen Spitzenklub AS Rom, der den Messepokal erst zwei Jahre zuvor gewonnen hat. Doch das spärliche Flutlicht lockt gerade einmal 7322 Zuschauer ins Olympiastadion. Hertha ist Drittletzter in der neuen Bundesliga, man hat andere Sorgen. Doch die Berliner zeigen sich zu Spielbeginn verbessert. Der angeschlagene Verteidiger Otto Rehhagel etwa „hielt trotz großer Schmerzen tapfer durch und war oft Retter in letzter Not“, lobt damals der Tagesspiegel. Doch Rehhagel kann nicht verhindern, das der deutsche Nationalspieler Jürgen Schütz, erst im Sommer aus Dortmund nach Rom gekommen, nach 20 Minuten das 0:1 erzielt. Carl-Heinz Rühl erzielt zwar den Ausgleich, doch Rom geht wieder in Führung, „unhaltbar für den offensichtlich von den Scheinwerfern geblendeten Tillich“, wie es tags darauf in dieser Zeitung heißt. Die Italiener schießen das 3:1, auf dem Feld „gab es einige technische Kabinettstückchen zu sehen“, aber auch „kleine Hänseleien auf dem Spielfeld, verursacht durch das forsche Eingreifen der Berliner Hintermannschaft“. Nach dem Spiel sagt Hertha-Trainer Jupp Schneider mit Blick auf das Rückspiel: „Es reizt mich, auch gegen die Römer mit verstärkter Deckung anzutreten.“ Derweil drohen die Römer: „Na wartet, Euch bringen wir in einer ungeheizten Jugendherberge unter!“ Sie waren mit der Unterkunft in Berlin nicht zufrieden. Hertha verliert auch das Rückspiel 0:2 und scheidet aus.

12. 11. 1969, 2. Runde Messepokal, Juventus Turin 3:1 (2:1)

Helmut Schön bequemt sich nicht ohne Grund unter die 35 000 Zuschauer ins Berliner Olympiastadion: Der Bundestrainer kommt, um Helmut Haller im Dress von Juventus Turin zu beobachten, der Weg über die Alpen ist sonst doch arg weit. Gegen Hertha sieht Schön, dass der deutsche Star im italienischen Dress zwar „fleißig und ehrgeizig war, wie man es von ihm erwartete“. So telefoniert es Tagesspiegel-Mitarbeiter Eberhard Wittig aus dem Olympiastadion. Haller habe aber auch „in der Schlußphase in der allgemeinen Hektik ’italienische Manieren’ erkennen lassen“ und begeht demnach „ein paar Unsportlichkeiten“. Hertha dagegen zeigt kämpferische Qualitäten. Nach dem 0:1 hatten die Turiner noch „den Torschützen mit südländischer Begeisterung“ gefeiert. Doch Wolfgang Gayer, Tasso Wild und Arno Steffenhagen drehen das Spiel. Und Haller? Der verletzt sich, „als ihm sein Mannschaftskamerad del Sol unabsichtlich mitten ins Gesicht sprang“, kann dann aber weiterspielen. Unerfreulicher ist, dass ein Zuschauer „trotz der Warnungen durch den Sprecher“ einen Feuerwerkskörper warf, Hertha setzte daraufhin 100 D-Mark Belohnung für die Ergreifung des Täters aus. „Es wäre ratsam, in Zukunft mehr denn je auf derartige Zwischenfälle zu achten, sonst könnte es einmal passieren, daß ein Spiel im Olympiastadion abgebrochen wird“, mahnt der Tagesspiegel. Die Mannschaft lässt sich davon nicht beiiren und scheitert erst im Viertelfinale an Inter Mailand.

22. 10. 1975, 2. Runde Uefa-Pokal, Ajax Amsterdam 1:0 (0:0)

Mit Ajax Amsterdam kommt eine Übermannschaft der Siebzigerjahre ins Olympiastadion. Von 1971 bis 1973 hatten die Niederländer den Europapokal der Landesmeister gewonnen – so dominant und brillant, wie heute der FC Barcelona nach diesem Vorbild spielt. Doch nach den Abgängen von Johan Cruyff und Johann Neeskens (beide nach Barcelona), Jonny Rep (Valencia) und Arie Haan (Anderlecht) ist Ajax nur noch „Hollands ehemalige Fußball-Glanznummer“, wie der Tagesspiegel damals schreibt. Das Spiel ist nicht gerade attraktiv, was vor allem an den Amsterdamern liegt, denen Trainer-Fuchs Rinus Michel zum Leidwesen der 55 000 Zuschauer eine Defensivtaktik verordnet hat. „Kühl bis in die Zehenspitzen“ trete der Gast auf, urteilt der Tagesspiegel. Nach dem einzigen Treffer von Erwin Kostedde zu Herthas 1:0-Sieg war „die Sicherheitskombination des Amsterdamer Safes nicht ein zweites Mal zu knacken. Michels ’Geheimnummer’ wurde von den Herthanern auch in der turbulenten Schlussphase nicht mehr erraten“, heißt es blümerant im Spielbericht. In Amsterdam verlieren die Berliner 1:4 und scheiden aus.

25. 4. 1979, Halbfinale Uefa-Pokal, Roter Stern Belgrad 2:1 (2:0)

„Der größte Tag von Hertha BSC war nicht der größte“, schreibt der Tagesspiegel enttäuscht. Trotz eines 2:1-Sieges vor 72 000 Zuschauern im Olympiastadion reicht es nicht zum ersten Europapokalfinale der Vereinsgeschichte, zum „internationalen Aufpolieren der längst schon verstaubten Erfolge der Junitage von 1930 und 1931“, wie Redakteur Thomas Zellmer in Gedenken an die beiden Meistertitel aus dem Stadion durchtelefoniert. Dabei hatten ein halbstündiger Platzregen, vermischt mit stürmischen Graupelschauern, „die Belgrader so richtig darauf eingestimmt, was im Spiel an Berliner ’Unfreundlichkeiten’ folgen sollte“. Trotz eines „Präsents“ durch Erich Beer, der das 1:0 erzielte, und eines kuriosen Eigentors der Jugoslawen reicht es nicht, die 0:1-Niederlage vor 100 000 Zuschauern im Belgrader Marakana-Stadion wettzumachen. Roter Stern kommt dank des Auswärtstores weiter. Der Traum vom ersten deutschen Endspiel gegen den späteren Sieger Mönchengladbach ist geplatzt. Für Hertha ist es für 20 Jahre der letzter Europapokalauftritt.

23. 11. 1999, Zwischenrunde Champions League, FC Barcelona 1:1 (1:1)

Zum ersten Mal seit 20 Jahren im Europapokal und in der Champions-League-Vorrunde setzt es für Hertha BSC gleich Siege gegen den FC Chelsea und den AC Mailand. In der Zwischenrunde ist dann jedoch Schluss. Vorher wartet aber noch der große FC Barcelona in einem denkwürdigen Spiel. „Nach dem Spiel haben mir meine Spieler erzählt, was so alles passiert ist“, sagt Barcelonas Trainer Louis van Gaal. „Ich habe mir sagen lassen, dass wir in der zweiten Halbzeit große Chancen gehabt hätten.“ Das Spiel wird trotz einer undurchdringlichen Nebelsuppe im Berliner Olympiastadion angepfiffen, 60 532 Zuschauer sehen: praktisch nichts, auch nicht die Tore von Luis Enrique und Kai Michalke. Reporter Michael Rosentritt schreibt: „Kurios: Hätte der Schiedsrichter abgebrochen, wäre die verbleibende Zeit am heutigen Mittwochvormittag um 10 Uhr (!) nachgeholt worden.“ Was im Nebel der Geschichte ebenfalls untergeht: Es ist gar nicht Herthas erstes Spiel gegen den großen FC Barcelona, 1961 verlor eine West-Berliner Auswahl aus Hertha-, Tasmania- und Tennis-Borussia-Spielern vor 70 000 Zuschauern im Olympiastadion in der ersten Messepokal-Runde 0:3. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

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