Sport : Raúl hört sich nicht mehr

Warum ein Weltklasse-Fußballer sich während des Spiels nichts einflüstern lassen sollte – noch nicht einmal von seinem Trainer

Wolfram Eilenberger

Kaum beachtet von der Fußballöffentlichkeit fand vor zwei Wochen in Spanien eines der interessantesten technischen Experimente der Fußballgeschichte statt. Während eines Vorbereitungsspiels trug Real Madrids Kapitän Raúl Gonzalez einen kleinen Empfänger im Ohr, mit dem ihm sein Trainer Wanderley Luxemburgo per Funkgerät direkt Mitteilungen zur Optimierung der Mannschaftsleistung einflüsterte. Offiziell gerechtfertigt wurde der Schnickschnack durch die veränderte Lärmpegellage in den modernen Kampfarenen. Die Profis verstehen ihr eigenes Wort nicht mehr, geschweige denn die hereingebrüllten Anweisungen des Trainers. Fern technikfeindlicher Fanaffekte erscheint die Maßnahme damit schlicht als zeitgemäße Alternative zur uralten stimmlichen Einflussnahme des Trainers.

Die Funk-Variante ermöglicht indes weitergehende Betreuungsverhältnisse. Die permanent mögliche Ansprache findet nun vom Gegner unbemerkt statt und richtet sich gezielt an ein einzelnes Individuum. Gemäß Fifa-Regeln handelt es sich bei dem „Mann im Ohr“ aber um ein unerlaubt eingeführtes Hilfsmittel. Die fußballtheoretisch entscheidende Frage kann indes kaum sein, ob die Innovation derzeit bestehende Regeln verletzt, sondern vielmehr, ob sie Raúl und seinen königlichen Kameraden tatsächlich dabei hilft, ein besseres Spiel zu spielen.

Um das spielfördernde Potenzial einschätzen zu können, empfiehlt es sich, drei mögliche Steuerungsaspekte zu unterscheiden. Der Apparat könnte zur motivierenden Ansprache genutzt werden, im Sinne eines anfeuernden „Quäl dich, du Sau!“. Es ist vorstellbar, dass sich leistungsfördernde Effekte ergeben – wovon alle Beteiligten und vor allem die Zuschauer profitieren. Die zweite Möglichkeit ist die taktische Ansprache. Sie wiese auf systematische Veränderungen hin, die dem Spieler auf dem Feld entgangen sind. Von der plötzlichen Veränderung der gegnerischen Abwehrformation bis zur eingeflüsterten „Trick 17-Variante“ bei ruhenden Bällen scheint manches denkbar. Bliebe als dritte Möglichkeit die situative Einflüsterung im freien Spielfluss, gar der konkrete Pass-, Schuss- oder Fintentipp. Hier jedoch büßt der kleine Mann im Ohr jene Sekundenbruchteile ein, die zwischen genialer Überraschung und absehbarem Ballverlust entscheiden. Die goldene Ballsportregel „Wenn das Wort erklingt, ist es schon zu spät“ bleibt auch bei dieser Technik gültig. Allenfalls für übermotivierte Jungspunde im Abwehrbereich ließe sich ein günstiger Effekt erwarten („Huth, Hände weg!“). Aber ein Spieler, der solcher Hilfestellungen bedarf, sollte lieber auf der Tribüne bleiben.

Womit das Dilemma aufgezeigt wäre. Will der Trainer den Überblick bewahren, muss er sich für ein Flüsterohr und nahe liegend das eines steuerungsmächtigen Führungsspielers entscheiden. Genau dieser Spieler aber entlarvt sich als Fehlbesetzung, sofern er Einflüsterungen benötigt. So paradox es klingt: Auf einen Spieler, der in entscheidenden Situationen auf andere hört, darf sich ein kluger Trainer nicht verlassen – selbst dann nicht, wenn der Flüsterer der Trainer selbst sein sollte. Ein wahrhaft spielentscheidender Mann im Ohr meldet sich mit der ganz individuellen Stimme eines großen Sportlerselbsts, tief aus dem Inneren des Leibs – oder er schweige ganz.

Das bringt die Diskussion zurück zu dem fast schon tragischen Fall von Raúl Gonzalez. Bereits siebzehnjährig ein Weltklassestürmer, fehlte es diesem Spieler an nichts; nicht an unbändigem Kampfgeist, nicht am taktischen Blick für das Ganze und vor allen Dingen nicht an einem intuitiven Eigensinn, mit dem er nicht nur seine Gegner, sondern manchmal auch sich selbst aufs Gelungenste zu überraschen wusste. Diese traumgleiche Stimme für sich ist ihm in den letzten Jahren verloren gegangen. Raúl hört sich nicht mehr. Und sein Leistungsniedergang kommt mit dem seiner gesamten Mannschaft zur Deckung.

In Madrid wurde in den vergangenen Jahren eben ein bisschen zu viel und artfremd von außen ins Feld hineingequatscht. Es wäre deshalb ein königlicher Gewinn für den Weltfußball, wenn Kapitän Raúl endlich die fremden Stimmen aus seinem Ohr verbannte – um sich wieder ganz den genialen Einflüsterungen seines Körpers zu überlassen.

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