Rallye Dakar : Radau und Rotwein

Jedes Jahr wieder treffen sich bei der Rallye Dakar Abenteuerhungrige, die ihr Leben im Kampf gegen die Natur und sich selbst riskieren. Eine Reportage.

Stefanie Szlapka[Antofagasta]
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Im Biwak, dem Zeltlager zwischen den Etappen, gehen die Piloten weniger Risiken ein. Leiser ist es dort aber auch nicht. -Foto: dpa

Es ist heiß. Obwohl die Sonne schon untergeht, kommt man aus dem Schwitzen nicht heraus. Der Boden ist sandig und der Staub setzt sich auf der Haut fest. Eigentlich müssten die Grillen gleich anfangen zu zirpen, aber selbst wenn, würde man sie nicht hören. Die Dieselaggregate dröhnen unaufhörlich, irgendwo jagt jemand die Drehzahl seines Motors hoch und aus einer anderen Richtung hallen Hammerschläge auf Metall. Der Tag klingt aus im Biwak der Rallye Dakar.

Nach einer langen Etappe sind die meisten Fahrer inzwischen bei ihren Teams und Mechanikern angekommen. Überall stehen die Servicefahrzeuge und Lkws, dazwischen die Rennwagen – verstaubt und dreckig. Jetzt starten die Reparaturen und Vorbereitungen für den nächsten Tag. Während sich die meisten Fahrer versuchen zu erholen, geht für die Beifahrer die Arbeit weiter. Sie haben bei der Einfahrt ins Biwak das Roadbook für die kommende Etappe erhalten und arbeiten sich nun durch die Angaben, die ihnen den Weg ins Ziel leiten sollen. „Ich markiere mir die wichtigsten Punkte mit verschiedenen Farben und kann etwa von einer Stunde Arbeit pro 100 Kilometer ausgehen“, erzählt Timo Gottschalk. Der Berliner ist Beifahrer des Katarers Nasser Al-Attiyah, mit dem er auch nach der achten Etappe von Antofagasta nach Copiapo am Sonntag auf Rang zwei der Gesamtwertung für Automobile liegt. Ihm darf kein Fehler unterlaufen – ihr Ziel ist der Dakar-Sieg und da darf keine Sekunde verloren gehen. Gottschalk ist der Navigator des Duos, das für Volkswagen an den Start geht – sich zu verfahren, wäre eine Katastrophe.

Gottschalk und Al-Attiyah sind Teil einer Flotte von VW-Wagen, die den Sieg bei der legendären und berüchtigten Rallye wohl unter sich ausmachen. Nach der achten Etappe liegt der Spanier Carlos Sainz an der Spitze, der Amerikaner Mark Miller auf Rang drei. Dem viertplatzierten Franzosen Stéphane Peterhansel im BMW X3 fehlen bereits über zwei Stunden auf die Spitze.

In der ersten Woche kamen der Rallye nach und nach die Favoriten abhanden. So verloren die Titelverteidiger aus Südafrika und Deutschland, Giniel de Villiers und Dirk von Zitzewitz, der BMW-Pilot Peterhansel und Robby Gordon mit seinem Hummer durch technische Defekte einige Stunden auf die Spitze. Nani Roma musste nach einem Unfall sogar aufgeben. „So ist die Dakar: Hart und unerbittlich“, sagt de Villiers schulterzuckend.

Doch aller Vorbereitung zum Trotz: Zeit zum Abendessen muss sein. Und spätestens hier merkt man, dass die Rallye Dakar von Thierry Sabine erfunden wurde– einem Franzosen. Zur Auswahl stehen immer Brot, Käse und ein kleines Fläschchen Rotwein. Die Fahrer werden ganz vorbildlich mit Nudeln versorgt. Das gesamte Biwak kommt zum Essen in dem U-förmig aufgebauten Cateringzelt zusammen, in der Mitte brennt ein Feuer und „gesamt“ hat hier wirklich die vollumfängliche Bedeutung. Fahrer, egal ob Werkspilot oder Privatfahrer, ob mit dem Motorrad oder Auto unterwegs, alle Mechaniker, Teammitglieder und auch die Journalisten treffen sich hier, essen zusammen, knüpfen neue Kontakte und unterhalten sich. Was ist über den Tag passiert? Was kommt morgen auf uns zu? Und wie könnte die Rallye ausgehen? Das Cateringzelt ist der Ort, an dem der Geist der Rallye Dakar fast greifbar wird.

Und dieser Geist ist ebenso simpel wie aufregend. Egal, ob die Piloten in der vorgeschriebenen Teamkleidung am Tisch sitzen oder einfach in den Klamotten, die in der Tasche ganz oben lagen – sie alle verbindet die gleiche Motivation: die Abenteuerlust und die Herausforderung. Getreu dem Lebensmotto des Dakar-Gründers Sabine: „If life gets boring, risk it!“ Schließlich sind es nur ein paar wenige, denen es wirklich nur um den Sieg geht. Ankommen und Durchhalten ist für die meisten Teilnehmer die Devise. Sie wollen wissen, ob sie die 14 Tage Hitze und Anstrengung überstehen oder ob die Wüste und der Sand sie bezwingen. Das gilt allerdings nicht nur für Männer, auch Frauen stellen sich der Rallye Dakar. Wie Tina Meier. „Bei meiner ersten Dakar bin ich am zweiten Tag schon wegen eines technischen Defekts ausgefallen“, sagt die Motorradpilotin. „Jetzt freue ich mich über jedes Teilstück, jede Prüfung, die ich geschafft habe.“ Sie hat auch eine der Geschichten erlebt, wie sie nur die Dakar schreiben kann. Auf der dritten Etappe startete ihr Motorrad wegen der großen Hitze nicht mehr. „Ein Zuschauer erzählte mir, dass das Biwak nicht weit weg ist. Er hat mir dann ein Pferd angeboten und mich zu meinem Team gebracht“, erzählt sie lachend. „Mein Mechaniker hat sich dann ein Motorrad geliehen und damit ging es zurück zu meiner Maschine.“

Der Tod ist bei der Jagd entlang der eigenen Grenzen ein ständiger Begleiter. Mehr als 50 Todesopfer gab es seit der ersten Rallye 1978; in diesem Jahr starb eine Frau, nachdem der Deutsche Mirco Schultis von der Strecke abgekommen und in eine Zuschauergruppe gerast war.

Für Außenstehende scheinen die Piloten mit Fahrzeugen durchs Gelände zu donnern und kein Auge für ihre Umgebung zu haben, außer für den schnellsten Weg ins Ziel. Umso erstaunlicher, dass viele Teilnehmer eine Etappe gerne nicht nur nach ihrem Schwierigkeitsgrad, sondern nach der Schönheit der Natur beurteilen. Dazu zählen auch die Piloten der großen Teams. „Wir wollen alle neue Landschaften sehen und entdecken“, schwärmt Stéphane Peterhansel. Seit zwei Jahren dürfen der neunfache Dakar-Gewinner und seine Kontrahenten dies auf einem neuen Kontinent tun. Nach Jahrzehnten in Afrika rast die Dakar nun durch die Steppen und Wüsten Argentiniens und Chiles.

Nach dem Essen beginnen die Zelte wie Pilze aus dem Boden zu schießen – die Mechaniker und auch die meisten Fahrer übernachten im Biwak. Die besten Plätze sind natürlich schnell weg: im Schatten der großen Service-Lkws abgeschirmt vom Neonlicht der noch arbeitenden Teams und in der Hoffnung, dass die vierrädrige Wand wenigstens etwas von dem Lärm abhält. Doch von allen Seiten dringen die Geräusche von Werkzeug, laufenden Motoren und anderen Arbeitsgeräten ins Zelt. Dagegen helfen nur konsequentes Weghören, Ohrstöpsel oder die hartnäckige Müdigkeit, die jeden nach spätestens drei Tagen eingenommen hat.

Bei aller Müdigkeit ist aber die allabendliche Dusche Pflicht. Schließlich muss jeder am nächsten Morgen früh raus und ist dann für jede Minute Schlaf dankbar. Allerdings bekommt das Wort „erfrischend“ in den Biwak-Duschen eine völlig neue Bedeutung. Obwohl das Wasser bei über 30 Grad Hitze in einem riesigen Kanister auf seinen Einsatz wartet, ist es eiskalt. Selbst die Luft verzieht sich bei den Temperaturen aus den Lungen, und man fühlt sich wie ein Fisch auf dem Trockenen.

Hin und wieder hört man ein Fahrzeug ins Biwak rattern – Stunden nach den Topfahrern, die längst geduscht in ihrem Schlafsack liegen. Sie hatten sich verfahren, einen technischen Defekt erlitten oder mussten ihr Fahrzeug aus dem Sand ausgraben. Aber sie haben es geschafft. An diesem Tag haben sie die Dakar bezwungen. In wenigen Stunden aber geht es für sie schon wieder weiter, im Kampf gegen die Strecke und gegen sich selbst.

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