• Randale im Stadion: Ein Urteil, das die Vereine aus ihrer Verantwortung für Krawall entlässt

Randale im Stadion : Ein Urteil, das die Vereine aus ihrer Verantwortung für Krawall entlässt

Der Bundesgerichtshof legt die DFB-Strafgelder für Spielstörungen auf randalierende Fans um - was gerecht klingt, es aber nicht ist. Ein Kommentar.

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Krawall im Stadion. Für viele gehört das zum Fußballerlebnis.
Krawall im Stadion. Für viele gehört das zum Fußballerlebnis.Foto: dpa

Abschreckung ist ein Prinzip, das jeder versteht. Böse Taten muss man nur hoch genug bestrafen, dann werden die Leute sich das zweimal überlegen. So werden die meisten Menschen auch das jüngste Urteil des Bundesgerichtshofs (BGH) zu Krawallmachern in Fußballstadien gutheißen. Demnach dürfen Vereine sich von randalierenden Fans, für die sie beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) eine Verbandsstrafe wegen Spielstörung entrichten müssen, ihre Auslagen erstatten lassen. Zehntausende Euro können damit für einen Böllerwurf fällig werden – zusätzlich zu Strafurteilen und Haftungsklagen Verletzter.

Leider wird das Prinzip Abschreckung seit Jahrhunderten überschätzt. Es gibt reichlich Diebstahl auch dort, wo Dieben die Hand abgehackt wird, und viele Morde, wo darauf die Todesstrafe steht. Ebenso wird es in Fußballstadien auch nach dem BGH-Urteil Menschen geben, die aus Wut über ein schlechtes Spiel ihren leeren Pfandbierbecher auf den Rasen schleudern. Oder Schlimmeres tun. Was dann kommt, könnte künftig ihre Existenz gefährden. Egal, die Fans machen es. Manche verlieren nur die Kontrolle über sich. Andere, die letztlich gekommen sind, um es auf der Tribüne krachen zu lassen, vermummen sich, um nicht erkannt zu werden.

Allen ist gemein, dass das Stadion der Ort ist, an dem sie sich zu derartigem Verhalten hinreißen lassen. An der Fankultur mag sich vieles gewandelt haben, und viele, sehr viele halten das dröhnende Massenerlebnis für eine unersetzliche Sozialerfahrung. Doch jeder Verein weiß, mit welchem Risiko er hier kalkuliert. Er möchte es zwar nicht und hätte es gewiss lieber anders. Aber es ist sein Geschäft und abzüglich der Ausschreitungen auch so etwas wie seine Seele. Nur: Wer die Macht und Anziehungskraft hat, ein Stadion zu füllen und in einen brodelnden Kessel zu verwandeln, muss zusehen, wie er die Hitze reguliert.

Die Vereine bleiben in der Pflicht

Es ist der Nachteil des Urteils, die Vereine ein Stück weit aus dieser Verantwortung zu entlassen. Die Verbandsstrafen geraten auf diese Weise in ein Umlageverfahren, die Kosten werden weitergereicht. Ein weiterer Nachteil ist, dass diese Kosten für ihre Verursacher nicht berechenbar sind. Wenn das DFB-Gericht tagt, hagelt es mal diese, mal jene Geldstrafe, die dann abgewälzt werden kann. Wer dies für gerecht hält nach dem Motto „selbst schuld“, mag sich eine ähnliche Transparenz für Bußgelder bei Temposünden im Straßenverkehr vorstellen. Mal hundert, mal 30000 Euro für einen Rotlichtverstoß. Warum nicht? Daran ist auch jeder selbst schuld.

Um derlei Nuancen hatte sich das Oberlandesgericht Köln bemüht, dessen Urteil der BGH nun aufgehoben hat. So falsch war es nicht. Es warf das Problem auf, ob das undurchsichtige Sanktionssystem der DFB-Gerichtsbarkeit nicht doch zu weit vom Schädiger entfernt ist, um noch dessen Haftung rechtfertigen zu können.

Trotzdem: Die Vereine bleiben in der Pflicht. Sie sind es, die für Ordnung im Stadion zu sorgen und Fehlverhalten abzustrafen haben. Sie müssen die Risiken beherrschen, die sie schaffen, um damit ihr Geld zu verdienen. Das BGH-Urteil macht es für sie billiger, aber es entlastet sie nicht.

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