Sport : Randsportarten: Die Tücken des Elements

Claus Vetter

Wetten, dass die deutsche Wasserball-Nationalmannschaft einen Wildecker Herzbuben zweieinhalb Minuten über das Wasser tragen kann? Über das tiefe Wasser. Allein durch schnellen Beinschlag seiner Träger soll das Schwergewicht oben bleiben. Die Wette wurde souverän gewonnen. Trotzdem war der Auftritt der besten Wasserballer des Landes in der erfolgreichsten Fernsehshow des Landes kaum mehr als eine Skurrilität. Unter den Augen Thomas Gottschalks Augen tauchte der 187 Kilo schwere Volksmusikant nicht unter, doch Wasserball tauchte trotz der Wassertreterei in der Prime Time schnell wieder aus dem Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit ab.

Wasserball lag nie im Trend. Das Interesse hält sich in regionalen Grenzen. Doch selbst in Berlin, Stadt des Rekordmeisters und Europacupsiegers Wasserfreunde Spandau 04, ist es gering. Die Wasserfreunde können gewinnen wie sie wollen, Sponsoren und Zuschauer bleiben reserviert. Selbst bei den Endspielen um die Meisterschaft erreicht die Besucherzahl nur selten vier Stellen.

Dabei haben die Wasserfreunde schon einiges ausbaldowert, um ihre Sportart für den Fan attraktiver zu machen - allerdings wurden die meisten Ideen nicht umgesetzt. Wasserball ist in Deutschland schon vom Reglement her unfreundlich zum Zuschauer, der abendfüllende Unterhaltung sucht. Vier mal sieben Minuten Spielzeit, drei Pausen von zwei Minuten: Ein Spiel ist in weniger als einer Stunde vorbei. Wer verlässt schon das Haus für ein derart kurzes Ereignis? Diese Schwachstelle hat man in Südeuropa erkannt. In Italien, wo in einer Profiliga Spitzenspieler sechsstellige Nettogehälter pro Jahr abkassieren, dauert ein Viertel neun Minuten, ist zudem in der Mitte des Spieles für 15 Minuten Halbzeit. In der Bundesliga gibt es Bestrebungen, dies zu übernehmen.

Sven Dettmann, der die schwierige Aufgabe des Marketingchefs bei Spandau 04 übernommen hat, glaubt nicht, dass es damit getan ist. Er wird philosophisch: "Das Hauptproblem am Wasserball ist, dass Wasser nun mal nicht das Element des Menschen ist." Die Bewegungen wirken langsamer, die Dynamik ist eine andere als bei anderen Ballsportarten. Und was unter Wasser passiert, kann der Zuschauer nicht sehen." Elementare Probleme, die vielleicht auch nicht zu lösen sind. Dettmann glaubt, dass sich die Popularität der Sportart nur dadurch steigern lässt, dass mehr Aktive gewonnen werden und so das Niveau steigert. Ungefähr 40 000 Wasserballer gibt es im Lande, genaue Zahlen kennt niemand. "Rund zwei Millionen Menschen sind in Schwimmvereinen organisiert", sagt Dettmann, "Wie viele Wasserballer sind, ist nicht genau zu sagen. Selbst bei Spandau sind Schwimmer und Wasserballer in einer Abteilung."

Der olympischen Sportart Wasserball fehlt der Nachwuchs. Da viele Schwimmvereine über leere Kassen klagen, entscheiden sie sich angesichts knapp bemessener Zeiten in den Bädern oft gegen die Wasserballer und für die Schwimmer. Andere Sportarten wie Basketball schaffen es, über flotte Ableger wie Streetball die Jugendlichen zu ködern - nicht die Wasserballer. Zwar existiert seit ein paar Jahren Aqua-Ball. Dazu braucht man vier Feldspieler und zwei aufblasbare Tore. Nur kennt das so gut wie niemand. Und ein aufblasbares Tor wirkt irgendwie albern. "Aqua-Ball ist in Deutschland gar nicht in der Fachsparte Wasserball organisiert", sagt Dettmann, "sondern wird als Breiten- und Freizeitsport gesehen."

Bundestrainer Hagen Stamm sucht die Fehler bei den Wasserballern selbst. Fehlende professionelle Strukturen seien mitverantwortlich für die schwache Präsenz in den Medien. Das Hauptproblem ist wohl, dass die Wasserballer keinen eigenen Verband haben, sondern ein Dasein als "Fachsparte" im Deutschen Schwimmverband (DSV) fristen. Der DSV hat die Übertragungsrechte für seine Sportarten im Paket an ARD und ZDF verkauft, die Wasserballer haben davon keinen Pfennig gesehen. Und wenn das Fernsehen ein paar Minuten für Wasserball übrig hat - wie vor einigen Wochen bei der WM in Japan - dann gibt es aus deutscher Sicht nicht immer Grund zum Jubeln. Die Nationalmannschaft wurde bei der WM nur 14ter.

Nationalspieler Jens Pohlmann von Spandau 04 erklärt sich das schwache Abschneiden auch so: "Voriges Jahr mussten wir mit Spandau morgens um 7 Uhr trainieren, damit auch alle pünktlich zur Arbeit oder Uni kommen. Dass wäre in Ländern wie Italien oder Ungarn, wo Wasserball nur professionell betrieben wird, undenkbar." Das Potenzial sei in Deutschland durchaus vorhanden.

Dessen ist sich auch der Bundestrainer bewusst. Hagen Stamm hat deshalb ein Strategiepapier entwickelt, in dem er dem Deutschen Schwimm-Verband und den Vereinen unzureichende Nachwuchsarbeit und dilettantisches Marketing anlastet. Stamms Alternative lautet: "Kollegiales Auftauchen bei den Olympischen Spielen im Jahr 2004 in Athen oder Versinken in der Bedeutungslosigkeit."

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