Sport : Randsportarten: WM-Finale am liebsten auf dem Pariser Platz

Ernst Podeswa

Randsportart? "Nein, wir sind keine Randsportart", sagt Günter Trotz und verweist auf die Weltliga-Spiele im Horst-Korber-Zentrum gegen Brasilien. Da waren jeweils mehr als 2000 Zuschauer hellauf begeistert. Fernsehbilder gingen sogar bis nach Südamerika.

"Fußball drückt in Deutschland medial fast alle Sportarten an den Rand. Wir tun alles, um uns aus dem Schatten heraus zu bewegen. Das ist erreicht, wenn wir mit beiden Hallenmannschaften bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen dabei sind", sagt Götz Moser. Moser ist Präsident des Berliner Verbandes und im Deutschen Volleyball-Verband (DVV) als Vize-Präsident zuständig für Leistungssport. Trotz zieht bei den Männern des SC Charlottenburg als Geschäftsführer die Fäden. Randsportart oder nicht - das ist für beide eher Interpretationssache. Denn einig sind sie sich, dass Volleyball alles mitbringt, um in der öffentlichen Wahrnehmung gebührend beachtet zu werden. Weil es ein spektakuläres Ballspiel sei, vielfach in der Freizeit praktiziert werde und durch Beachvolleyball "voll im Trend" liege.

Doch in den Medien spiegelt sich das derzeit nicht so wider. Dass die Herren Nationalspieler in Finnland nach 1:3-Niederlagen gegen Jugoslawien und den Gastgeber die Qualifikation für die WM 2002 verpasst haben, reicht nicht für die Tagesschau. Gleiches gilt für die Damen, die derzeit beim Grand Prix in Asien sportlich Lehrgeld zahlen. Und auch das Masters-Turnier der Beachvolleyballer auf Fehmarn ist eher im Kleingedruckten zu finden.

Doch die Volleyballer wollen sich nicht mit einem Dasein als Mauerblümchen zufrieden geben. Moser spricht sogar von einer "Powerkampagne", die mit der Gastgeberschaft für die Weltmeisterschaft im Beachvolleyball 2005 gekrönt werden soll: "Mit einem WM-Finale auf dem Pariser Platz am Brandenburger Tor." Der Vorschlag liegt beim Senat auf dem Tisch. Bis dahin läuft die Werbetour Volleyball mit anderen Attraktionen. Schon am 21. September wird der neue IOC-Präsident Jacques Rogge (Belgien) bei der Auslosung für die Frauen-WM 2002 in Deutschland in Berlin anwesend sein. Und Volleyball-Weltpräsident Ruben Acosta (Mexiko) nimmt den Termin zum Anlass, um die Jahrhundert-Volleyballer zu ehren. Zwei Ereignisse, die auch für Medien lukrativ sind. Ähnliches gilt im nächsten Jahr für das Weltturnier der Beachvolleyballer am Alexanderplatz sowie für die Auftritte in der Weltliga der Männer. Und der Heimvorteil der EM der Männer 2003 soll genutzt werden, "um eine respektable Rolle unter den besten acht Mannschaften einzunehmen", wie Lutz Endlich formuliert, Generalsekretär des DVV.

Die Übernahme von Titelkämpfen und die Aktivitäten in der Weltliga kosten Geld. Läuft der Verband nicht Gefahr, sich wirtschaftlich zu übernehmen? "Das Risiko ist überschau- und steuerbar", sagt Endlich. Weil Länder und Städte bei der Frauen-WM 2002 vieles tragen und der internationale Verband die Hälfte des Etats garantiert. Und die Kosten für die Weltliga-Teilnahme hat ein Sponsor übernommen. "Unsere Bemühungen gelten der Sportart. Die wollen wir nach oben bringen - und nicht Gewinne machen", sagt Endlich. Und zu schaffen sei das nur, "wenn man über längere Zeit im Gespräch bleibt und Fernsehzeiten bekommt".

Urheber der breit angelegten Volleyballoffensive ist der 65-jährige einstige Zehnkampf-Europameister Werner von Moltke. Als er 1997 zur Präsidentschaft überredet wurde, war der Verband hoch verschuldet und ratlos. Die Leistungstendenz wies abwärts. Von Moltke warb für den Leistungsgedanken, er brachte Sponsoren und überzeugte auch Skeptiker nach dem Motto, nur regen bringt Segen. In diesem Jahr ist er für weitere zwei Jahre gewählt worden. Die Bronzemedaille von Ahmann/Hager am Bondi Beach in Sydney und der sechste Rang der Frauen in der Halle haben seine Marschrichtung bestätigt.

Der 100-kg-Mann hat auch die Impulse aus dem Beachvolleyball geschickt genutzt. Die Organisatoren mit dem Hamburger Frank Mackerodt bekamen freie Hand, um eine neue Variante des Volleyballs fast ohne Vereinsstrukturen zu etablieren. Die Mixtur aus Show, Spaß, Sport und Musik sei so erfolgreich, "weil sie genau den Nerv der Leute" treffe, meint Endlich. "Wir sind bemüht, den Eventcharakter des Beachvolleyballs in die Hallen zu übertragen. Zumindest da, wo es möglich ist."

Die Erfolgsgeschichte der Sandvolleyballer hat teilweise zu Neidreaktionen der Hallen-Bundesligisten geführt. Und um das Werben von Talenten. "Wir haben uns drei Mal mit ihm unterhalten, bis er einen Vertrag beim SCC unterschrieben hat", berichtet Günter Trotz. Gemeint ist Zuspieler Manuel Rieke, gleichermaßen talentiert für Volleyball im Sand wie in der Halle. "Wir haben ihm zugesichert, dass er die Jugend-EM- und WM im Beachvolleyball wahrnehmen kann." Warum sich Talente für die Randsportart Volleyball entscheiden, obwohl sie nur ein Bruchteil dessen erhalten, was Fußballer oder Tennisspieler kassieren? Marco Liefke, Hallen-Nationalspieler vom SCC, gibt die Antwort: "Volleyball ist das, was ich von der Pike auf gelernt habe. Es ist das, was mir Spaß macht und mir Erfolg gebracht hat und was ich immer weiter perfektionieren möchte."

Randsportart oder nicht - Liefke stört das nicht. Aber ein bisschen mehr Fernsehpräsenz wünscht er sich mitunter auch. Wie auch Vizepräsident Moser. "Notfalls muss man sich dort sogar einkaufen", sagt er. "Doch alle Versuche helfen auf Dauer nicht, wenn die Leistungen nicht stimmen. Hängst du hinten rum, kannst du alles andere vergessen".

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