Sport : Rasant, pompös, schleppend

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Die Unvollendete, die berühmteste Sinfonie von Franz Schubert, umfasst zwei Sätze. Einen schwungvollen ersten mit rasanten Themenwechseln und Temposprüngen, und einen zweiten eher pompöserer und doch irgendwie schleppender Art. Der Unvollendete, der berühmteste deutsche Fußballer der Neuzeit, hat in seiner Karriere diese beiden Phasen ebenfalls durchlebt. Das Finale furioso ist dem furiosen Michael Ballack, der nun seine Schuhe aus dem Spind wirft, verwehrt geblieben.

Der deutsche Fußball der Neuzeit, nach der vollzogenen (wenn auch kaum geglückten) Spielvereinigung aus Ost und West, trägt eine stille Tragik in sich. Es ist die Tragik des Michael Ballack. Deutschland spielt schön und kombiniert unter Bundestrainer Joachim Löw wieder zügig und mit Zug. Aber dass am Ende immer die Deutschen gewinnen, kann man seit fast zwei Jahrzehnten nicht mehr behaupten.

Der allseitig vorbereitende, verwandelnde, freistoßende und schnellfüßige Michael Ballack stand immer kurz vor der Krönung. Doch er hat trotz aller erzwungenen Siege den letzten Schritt zur Legende nicht geschafft, vielleicht, weil er darüber seine Leichtigkeit verlor. Die deutsche Nationalmannschaft, die lange so sehr an seinen Beinen hing und sich bei der WM 2010 mit jugendlicher Leichtigkeit von ihm emanzipierte, teilt Ballacks Schicksal. Das ist nicht weiter schlimm, aber es ist doch schade und nicht nur für Fans des synthetischen Leders ein Grund zum Grübeln.

Wenn Sport der Spiegel der Gesellschaft ist, dann war Michael Ballack das ideale Gesicht hinter der Mattscheibe, in der sich die Gesellschaft selbst erkennt. Der Fußballer aus Görlitz spielte sich nach oben, also tief hinein in den Westen, und löste doch die Frage aus, ob Ostdeutsche wirklich führen können – eine Frage, die Angela Merkel trotz gegenteiliger Fakten heute noch gestellt wird. Später war Ballack eine Chiffre für das glatte Gegenteil: der Abhängigkeit eines Kollektivs von einer Person – ihrem Kopf, ihrem Können. Wie oft riss Ballack allein alles raus, und wie oft verließen sich die anderen darauf?

2006 tauchte die nächste Frage auf: Geht’s auch ohne Macker? Gerhard Schröder war abgewählt; und Ballack, der keine Lust hatte, einen dritten Platz auf der Fanmeile zu feiern, von seinen Gefolgsleuten überstimmt. Ballack hatte die Stimmung unterschätzt, seine zweite Karrierephase begann: Er nahm sich desto wichtiger, umso weniger wichtig ihn die anderen nahmen. Löw sortierte ihn aus durch die faktische Macht des Generationenwechsels.

Auch dahinter verbarg sich eine gesellschaftliche Frage: Wie geht Deutschland mit seinen Alten um? Das Gesicht, das Michael Ballack im Spiegel sah, war nicht mehr das, das die meisten anderen sahen. Es ist gut, dass Ballack seine Karriere nun selbst abblendet, bevor er zum deutschen Ailton wird. Das hat ein Großer, eine Fast-Legende, nicht verdient.

Der dritte Satz von Schuberts Sinfonie bricht unvermittelt ab. Übrig bleiben ein paar Töne ohne Ziel und die Erinnerung, etwas Großes erlebt zu haben. Diese Erinnerung an Michael Ballack wird bleiben.

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