Sport : Rasantes Remis

Trotz Lehmanns Patzer kann Chelsea den FC Arsenal auch in der Champions League nicht besiegen

Raphael Honigstein

London. „Fußball ist keine Sache auf Leben und Tod, sondern viel wichtiger“, behaupten die Engländer. Meistens aber entscheiden die Nuancen. „Es gibt da einen schmalen Grat“, wusste so zum Beispiel der sichtlich deprimierte Eidur Gudjohnsen nach dem Spiel. „Wenn du das 2:0 machst, bist du fast im Halbfinale – wenn nicht, kann es immer sein, dass Arsenal zurückkommt.“ Und sie waren mal wieder zurückgekommen, die Gunners, nur vier Minuten nach dem Treffer von Chelseas Isländer (52.) und einem blauen Angriffstornado, der die Gäste zwar gewaltig durcheinander gewirbelt, aber dank der gekonnten Paraden von Jens Lehmann keine weiteren Schäden hinterlassen hatte. Ein einziger klarer Angriff – eine Flanke, ein Kopfball von Robert Pirès – reichte dem derzeit einfach nicht zu bezwingenden FC Arsenal zum 1:1-Ausgleich, der angesichts der Auswärtstor-Regel im Europapokal fast einem Siegtreffer gleichkam.

„Es ist klar, dass man sich über so ein super-wichtiges Tor besonders freut, wenn man zuvor eine unglückliche Aktion im Tor gehabt hat“, gab Lehmann zu. Ein schmaler Grat, im Tor ist er noch viel schmaler – wo hört dort Pech auf, wo fängt ein Fehler an? Trainer Arsène Wenger legte sich nach dem Studium der Zeitlupen auf die Sprachregelung fest, dass Lehmann „nicht komplett unschuldig“ am Tor der Gastgeber gewesen sei, der „Daily Telegraph“ hatte dagegen einen „furchtbaren Patzer“ gesehen, der zum „Markenzeichen“ des Deutschen geworden sei.

Wie schon im Ligaspiel gegen Leeds hatte Lehmann beim Klärungsversuch den Gegner getroffen. „Ich hatte gemeint, einen kleinen Vorsprung zu haben, und den hatte ich auch“, schilderte der Torwart später mit einem halben Schokoriegel in der Hand das Malheur, „doch dann habe ich leider den Stürmer getroffen. So etwas sieht natürlich blöd aus“. Dramatische Folgen wie Kahns Blackout gegen Madrid wird das Ganze kaum haben, es gibt nur Abzug in der sonst hohen B-Note.

Thierry Henry wirbt im englischen Fernsehen als cooler Jazz-Musiker verkleidet für ein Auto. Vieles, was er und seine Kollegen am Ball machen, sieht so mühelos aus, dass es dem neutralen, Kampf und Leidenschaft schätzenden Fußballfan auf der Insel schon wieder suspekt ist. Die Grenze zwischen spielerischer Leichtigkeit und Überheblichkeit ist manchmal ungenügend markiert, „arrogant“, findet nicht nur Chelseas Jimmy Floyd Hasselbaink das Team. Doch aus diesem Vorwurf spricht letztlich der pure Neid. Arsenals Kicker sind nicht nur jung und reich, sie haben auf dem Platz darüber hinaus oft auch noch das im Überfluss, was im modernen Alltag allen anderen fehlt: Raum und Zeit.

Am Mittwoch, im überall als „größtes Londoner Fußballspiel aller Zeiten“ gehypten Champions-League-Derby, nahmen die wie besessen kämpfenden Blues dem designierten Meister beides fast gänzlich weg. Früher brannten in Arsenals schöner Traummaschine in solchen Szenen die Sicherungen durch, die Kanoniere aber sind dieses Jahr aus anderem Metall gegossen – zur Kreativität gesellt sich mentale Stärke und die Bereitschaft zur Arbeit. Heraus kam ein atemberaubend intensives Match ohne viele Chancen. Dass muss kein Widerspruch sein, wenn sich zwei technisch versierte Teams auf höchstem Tempo die Bälle abgrätschen.

Chelsea hat nach dem 1:1 nur noch geringe Chancen – 17-mal in Folge hat man den Rivalen nicht besiegen können –, trotzdem durfte sich Trainer Claudio Ranieri, laut eigener Einschätzung „ein Gladiator, der immer weiter kämpft“, als Sieger fühlen. Geschäftsführer Peter Kenyon hatte ihn zuletzt perfide demontiert, im Stadion wurde er gefeiert: Für Leute, die auf verlorenem Posten die Haltung bewahren, hat man hierzulande eine Schwäche. Seine Entlassung ist unabhängig vom Rückspiel besiegelt. Wie ein „dead man walking“, ein zum Tode Verurteilter, sei er sich vorgekommen, hat Ranieri erzählt. Die Rache wird ihm im Diesseits nicht mehr gelingen, bis zum Saisonende bleibt er ein Untoter: „Wenn Arsenal gewinnen will, müssen sie uns erst umbringen.“

Es hörte sich fast wie eine Bitte an.

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