Sport : Rasen für den Sponsor

Formel-1-Piloten hetzen von Termin zu Termin – am Nürburgring hat Sebastian Vettel keine ruhige Minute

Karin Sturm[Nürburgring]
Interviews im Regen. Weltmeister Sebastian Vettel kommt kaum noch zur Ruhe – das gilt auch für viele andere Formel-1-Rennfahrer. Foto: dapd
Interviews im Regen. Weltmeister Sebastian Vettel kommt kaum noch zur Ruhe – das gilt auch für viele andere Formel-1-Rennfahrer....Foto: dapd

Lewis Hamilton ging der Rummel zu weit. Als Formel-1-Pilot bei McLaren ist der 26-Jährige vertraglich zu insgesamt 50 PR-Tagen im Jahr verpflichtet, oft mit zwei Auftritten am Tag. Bisweilen stehen auch kurze Werbe-Abstecher mit dem Flugzeug an, zum Beispiel ins nicht gerade in der Nachbarschaft gelegene Indien. Bei seinem Heim-Grand-Prix in Silverstone klagte der Engländer darüber, allmählich überfordert zu sein. „Ich habe das Gefühl, ich stehe kurz vor einem Burn-out“, erklärte der Weltmeister von 2008. „Ich hatte in der Vorbereitung zwischen Valencia und Silverstone genau eineinhalb Tage frei – aber das Wichtigste ist ja nun mal, dass die Sponsoren happy sind“, kommentierte Hamilton mit bissiger Ironie. „Wenn ich meinen nächsten Vertrag mit McLaren mache“ – sein derzeitiger läuft Ende 2012 aus – „dann muss sich da gewaltig was ändern. So kann das nicht weitergehen – und da werde ich mich dann auch durchsetzen.“

Beim Rennen an diesem Wochenende am Nürburgring wird es für Hamilton vergleichsweise entspannt zugehen, alle Augen sind hier auf Sebastian Vettel gerichtet. Der 24-Jährige absolviert in der Eifel neben seiner eigentlichen Aufgabe im Cockpit und den Meetings mit seinen Ingenieuren ein eindrucksvolles Programm. Dabei behält der Weltmeister bisher aber seine Lockerheit und zeigt keine Anzeichen von Stress. Neben seinen Pflichtterminen hatte sich Vettel am Mittwochabend für ein freiwilliges Benefiz-Fußballspiel entschieden. Für den 6:2-Sieg seiner Mannschaft setzte sich Vettel nach stundenlangen Presseterminen und Filmaufnahmen in einen Helikopter, um nach Frankfurt am Main zu fliegen. Nachts ging es wieder zurück zum Nürburgring, um wenigstens am Donnerstag noch einmal halbwegs ausschlafen zu können. Angst, sich beim Kicken zu verletzen, hat Vettel nicht: „Erstens geht es da doch nicht so wild zur Sache, und zweitens kann theoretisch überall etwas passieren.“

Am Donnerstag ging das Programm des WM-Führenden weiter: Teammeetings, die offizielle Pressekonferenz des Weltverbands, TV-Interviews, die Überreichung eines Preises vom Deutschen Motor Sport Bund, ein Treffen mit Kindern in der Teambox, ein Fotoshooting für den Uhrensponsor und am Abend noch ein Besuch beim großen Grillabend für die gesamte Formel 1. Den vom Trainingsprogramm her sowieso schon sehr vollgepackten Freitag konnte Sebastian Vettel sich zwar von Zusatzauftritten weitgehend frei halten, doch am Samstag bekommen dann die Sponsoren schon wieder ihr Recht. Wenn es irgendwie geht, soll Vettel am Nachmittag nach dem Qualifying noch in die Lounge seines Red-Bull-Rennstalls kommen, dann steht eine Autogramm-Session für die Fans an der Strecke an, ab 18 Uhr ruft der Hauptsponsor zu einer Großveranstaltung mit Fahrsicherheitstraining, der nächsten Pressekonferenz und anschließender großer Teamparty.

„Das Problem bei der ganzen Sache ist, dass man als Rennfahrer speziell am Rennwochenende, aber letztlich auch in der Zeit dazwischen, eigentlich die ganze Zeit mit seinem Auto, mit sich selbst beschäftigt ist“, sagt DTM-Mercedes-Pilot Maro Engel. „Wenn dann zu viel anderes dazwischenkommt, kann das schon an die Substanz gehen.“ Dass das bei Vettel anscheinend noch nicht der Fall ist, hat Engel am Mittwochabend aus der Nähe gesehen: Er spielte in Vettels Fußballmannschaft und schoss drei Tore. Engel ist sich sicher, dass jeder Mensch nur begrenzt belastbar ist: „Und wenn die Performance darunter leidet, dann muss man irgendwann mit dem Team reden und das auch klarmachen.“

In Vettels Lager ist man der Meinung, so dramatisch sei das Programm des Heppenheimers gar nicht. „Ganz so, wie das da kolportiert wurde, stimmt es nicht", heißt es. Über genaue Vertragsdetails könne man natürlich nicht reden, eins sei aber sicher: „So extreme Zahlen, wie Lewis Hamilton erzählt hat, gibt es bei uns sicher nicht.“

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