Sport : Rasen ohne Garantie

Warum Michael Schumacher den sechsten WM-Titel in der Formel 1noch nicht sicher hat, obwohl ihm in Suzuka dazu nur noch ein Punkt fehlt

Karin Sturm

Suzuka. Auf eines kann Michael Schumacher im WM-Finale am kommenden Sonntag sicher bauen: Sein Ferrari ist das zuverlässigste Auto. Der Titelverteidiger fuhr darin 37 Rennen hintereinander ohne Ausfall durch einen technischen Defekt. Das gab es in der Formel-1-Geschichte zuvor noch nie. Zuletzt schied Schumacher 2001 in Hockenheim mit Problemen an der Benzinpumpe aus. Der Ausfall in Brasilien 2003 war ein Ausrutscher im Regen, kein Defekt.

Auf die Technik kann sich der fünfmalige Weltmeister also verlassen. Und dass er selbst mal wieder einen Fehler machen könnte, der das Aus bedeuten würde, davor hat er vor Suzuka keine Angst. Denn das Selbstvertrauen, auch unter dem Druck eines WM-Finales fehlerfrei zu fahren, besitzt er längst. Er wird bestimmt nicht wieder die Nerven verlieren wie etwa 1997 im Duell mit Jacques Villeneuve in Jerez, als er einen Unfall provozierte und dabei selbst zum großen Verlierer wurde. Außerdem fehlt Schumacher am Sonntag nur noch ein Punkt zum Gewinn des sechsten WM-Titels.

Die viel größere Sorge von Schumacher dürfte sein, dass er selbst in einen Unfall verwickelt werden könnte. Zum Beispiel mit Juan Pablo Montoya, der bis zum Grand Prix vor knapp zwei Wochen in Indianapolis als sein schärfster Gegner galt und nun keine Titelchance mehr besitzt. Dass der für BMW-Williams fahrende, heißblütige Kolumbianer – insbesondere gegen Michael Schumacher – niemals zurücksteckt, hat er mehrmals bewiesen. Nur hat Schumacher den Vorteil, dass er in einer solchen Situation zurückstecken kann. Schumacher muss in Suzuka nicht gewinnen. Selbst wenn Kimi Räikkönen im McLaren-Mercedes siegt und Schumacher nur Achter wird, reicht es für den Ferrari-Star.

Aber Gefahr könnte ihm auch noch von Jarno Trulli drohen. Nicht, dass der Italiener ihn bewusst unfair angreifen würde. Trulli neigt aber in dem verzweifelten Bemühen, endlich auch mal ganz vorne zu landen, oftmals zu unüberlegten Handlungen am Start. Fehlern oder unüberlegten Aktionen aus dem Wege zu gehen, das dürfte letztlich viel schwieriger sein als ein direktes Duell. Beim Rennen in Malaysia im März war es allerdings umgekehrt, da krachte Schumacher am Start in das Rennauto von Trulli, der auf den Weltmeister daraufhin sehr schlecht zu sprechen war. Seitdem sind aber fast sieben Monate vergangen, da sollte mittlerweile keine Rechnung zwischen beiden Fahrern mehr offen sein.

Eine entscheidende Rolle im letzten WM-Rennen des Jahres könnte David Coulthard zukommen. Auch der Schotte geriet mit Schumacher schon aneinander. Zuletzt in den USA war der Reifenabdruck seines McLaren-Mercedes am Ferrari gut sichtbar. Coulthard könnte somit seinem Teamkollegen Räikkönen die letzte Chance auf den Titel offen halten. Könnte, aber Coulthard ist in der Formel-1-Szene eher nicht für unfaire oder provokative Manöver bekannt.

Mit diesen Gedankenspielen will sich Schumacher lieber nicht beschäftigen. Zuletzt hat er nur mehrmals gesagt: „Ich fühle mich noch nicht als Weltmeister.“ Er weiß nur zu gut, dass auch in einem WM-Finale noch Sensationen möglich sind. Wie 1986, als Nigel Mansell mit sechs Punkten Vorsprung nach Australien kam und während des Rennens noch wie der sichere Weltmeister aussah, dann aber mit einem Reifenschaden ausschied. Alain Prost gewann das Rennen und wurde praktisch in letzter Sekunde der gefeierte Champion.

Gegen einen Ausfall durch technischen Defekt ist Schumacher, dem 1998 im WM-Finale in Suzuka gegen Mika Häkkinen der Reifen geplatzt war, natürlich auch nicht hundertprozentig gefeit – trotz der ungewöhnlichen Zuverlässigkeit des Ferrari. Oder gerade deswegen? „Jede Serie reißt irgendwann einmal ab. Und nach 37 Rennen ohne technischen Defekt steigt zumindest theoretisch bei jedem folgenden Rennen die Wahrscheinlichkeit, dass es doch mal wieder passiert", sagt Formel-1-Experte Christian Danner. Aber selbst wenn bei Schumacher etwas schief gehen sollte – Kimi Räikkönen müsste dann für den Titel siegen. Auch darauf gibt es keine Garantie.

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