Sport : Rasender Stillstand

Hertha ist immer noch Vorletzter – doch die Lage hat sich verbessert

Stefan Hermanns

Berlin. Manchmal kann Hans Meyer, der Trainer von Hertha BSC, nicht verbergen, dass er ganz am Anfang seines Berufslebens einmal als Lehrer gearbeitet hat. Neulich hat er die Allgemeinbildung der Journalisten getestet, die über Hertha BSC berichten, und nach dem Land gefragt, dessen Hauptstadt Quito ist. Richtige Antwort: Ekuador. Viel lieber als Erdkunde aber ist Meyer das Fach Mathematik. Was andere für eine normale Tabelle halten, ist für den Trainer von Hertha BSC ein spannendes Zahlenwerk, das nur selten die Wirklichkeit so widerspiegelt, wie Meyer sie sieht.

Zum Beispiel die Wirklichkeit von Hertha BSC: Auf den ersten Blick hat die Mannschaft seit der Winterpause keinen Schritt nach vorn gemacht. Vor der Rückrunde war sie Vorletzter, jetzt, sechs Spiele später, ist sie immer noch Vorletzter. Trotzdem sagt Meyer: „Die Situation ist eine angenehmere – natürlich nicht in dem Sinne, dass wir uns jetzt beruhigt zurücklehnen können.“ An der schon vor zwei Monaten geäußerten Ansicht, dass Hertha bis zum letzten Spieltag um den Verbleib in der Bundesliga kämpfen muss, hat sich nichts geändert, wird sich auch nichts ändern, wenn die Mannschaft zwei oder drei Spiele gewinnt. „Es ist offensichtlich nicht so einfach, wie der eine oder andere gedacht hat“, sagt Meyer.

Herthas Trainer hat ohnehin nie gedacht, dass es einfach werden würde, aber er erlebt in Berlin eine Öffentlichkeit, die zu Extremen neigt – bei Siegen und bei Niederlagen gleichermaßen. Nüchtern betrachtet liegt die Mannschaft in der Rückrunde genau im Plan. „Wir haben unsere drei Heimspiele gewonnen und in unseren drei Auswärtsspielen einen Punkt geholt“, sagt Hans Meyer, der Mathematiker. In Wirklichkeit ist es natürlich so, dass Hertha nur ein Heimspiel gewonnen hat, im Olympiastadion einmal unentschieden gespielt, dafür zwei Auswärtssiege geschafft hat. Bei den Punkten läuft das aufs Gleiche hinaus, in der öffentlichen Wahrnehmung aber muss Hertha zurzeit vor allem gegen die bedrohliche Heimschwäche ankämpfen.

Wenn die Mannschaft am Samstag beim Hamburger SV gewinnt, hat sie in den sieben Spielen unter Meyer bereits genau so viele Punkte geholt wie in der gesamten Hinrunde – 13. Im Moment belegt Hertha in der Rückrundentabelle Platz sieben, noch vor Borussia Dortmund und dem VfB Stuttgart. Dass die Mannschaft trotzdem noch nicht von der Stelle gekommen ist, liegt auch daran, dass die direkte Konkurrenz, zum Beispiel Eintracht Frankfurt, nach der Winterpause ebenfalls schon viele Punkte gesammelt hat.

Dafür hat sich Hertha an andere Mannschaften herangekämpft, die sich zum Jahreswechsel noch auf der sicheren Seite wähnten. An Meyers früheren Verein Borussia Mönchengladbach zum Beispiel, der nach der Hinrunde sechs Punkte Vorsprung auf die Berliner hatte und jetzt nur noch einen Punkt voraus ist. Oder an Hannover 96, zur Winterpause Elfter mit 20 Punkten, jetzt Fünfzehnter mit 24. Im Dezember schien für Hertha nur noch der Fünfzehnte Kaiserslautern in Reichweite zu sein, jetzt umfasst die Abstiegszone acht Vereine und geht bis zu Freiburg auf Rang elf. Sollte Hertha am Samstag in Hamburg gewinnen, wäre selbst der HSV (jetzt Zehnter) wieder gefährdet. „Unsere Situation ist eindeutig besser als in der Winterpause“, sagt Meyer, „weil die Mannschaften alle noch untereinander spielen.“

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