Rassismus im italienischen Fußball : Squadra bianca

Der nationale Fußball in Frankreich, Schweiz oder Deutschland profitiert von der Integration von Einwanderern. In Italien hingegen wird der alltägliche Rassismus zu einem immer größeren Problem für den Sport, da das Potential einer kompletten Einwanderergeneration ignoriert wird.

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Glanz von früher. Sacchi (2.v.l.) mit AC-Mailand-Boss Berlusconi und den niederländischen Stars Rijkaard (2.v.r.) und Gullit (r.) nach dem Europapokalsieg 1990.
Glanz von früher. Sacchi (2.v.l.) mit AC-Mailand-Boss Berlusconi und den niederländischen Stars Rijkaard (2.v.r.) und Gullit (r.)...Foto: imago

Nun also auch Arrigo Sacchi. Der frühere Nationaltrainer Italiens und einstige Coach des AC Mailand trampelte mit bösen Äußerungen ins mediale Rampenlicht zurück. „Italien hat keine Würde, keinen Stolz: Wir haben Mannschaften mit 15, 16 Ausländern. So viele farbige Spieler sind eine Beleidigung für den italienischen Fußball“, sagte er am Rande eines Nachwuchsturniers in Viareggio. Er stellte auch einen Zusammenhang mit dem derzeit schlechten Abschneiden des italienischen Fußballs überhaupt her: „Mit der Invasion der Ausländer kam der Niedergang der Nationalmannschaft und der Klubs.“

Sacchi knüpfte damit nahtlos an Äußerungen des Verbandspräsidenten Carlo Tavecchi an. „Zu uns kommt Opti Poba, der gerade noch Bananen aß und jetzt Stammspieler bei Lazio ist“, meinte Tavecchio kurz nach seiner Wahl – und kassierte wegen rassistischer Beleidigung prompt eine Strafe der Uefa. Auch er wollte auf das durchaus existierende Problem hinweisen, dass italienische Talente mittlerweile bis hinunter in die dritte Liga wenig Platz finden. Für das Geld, das man für einen italienischen Spieler ausgeben muss, bekommt man vier Ausländer der gleichen Qualität, lautet eine Faustregel im italienischen Profifußball.

Das gilt auch bei der Nachwuchsausbildung. Das gut geführte Fußballinternat von Udinese Calcio etwa ist voll von Spielern vom afrikanischen Kontinent. Zwei oder drei von zehn schaffen nach Angaben des Vereins den Sprung in den bezahlten Fußball. Der Rest darf sich dann wieder um sich selbst kümmern. Gebürtige Italiener sieht man bei Udinese eher selten. Wer Talent hat, versucht es lieber bei einem Großklub, der am besten noch ein Jobangebot für die Eltern und das nötige Kleingeld für den Berater hat. Viele Akteure gestalten den Markt. Ausländer sind oft billiger. Und so gewann Inter Mailand – unter den Augen Sacchis – das Finale des Viareggio-Turniers mit einem 17-jährigen Torwart aus Rumänien, zwei 19-jährigen Verteidigern aus Ghana und der Elfenbeinküste und einem 18-jährigen defensiven Mittelfeldspieler ebenfalls von der Elfenbeinküste – allesamt knapp nach dem 16. Geburtstag nach Italien gebracht.

Sacchis Äußerungen lösten Empörung in der gesamten Fußballwelt aus. „Stolz und Würde sind keine Frage der Hautfarbe. Geschockt von den Aussagen von Arrigo Sacchi“, schrieb der Fifa-Präsident Joseph Blatter am Mittwoch auf Twitter. Italiens für Sport verantwortlicher Staatssekretär Graziano Delrio erklärte: „Der Satz von Arrigo Sacchi ist ein schlimmer Fehler, weil er nicht die Realität in unserem Land sieht.“ Der frühere englische Fußball-Nationalspieler Gary Lineker kritisierte auf Twitter: „Es gibt zu viele Rassisten im italienischen Fußball.“

Sacchi verteidigte sich prompt. Er sei kein Rassist und verwies auf seine dunkelhäutigen früheren Stars Frank Rijkaard und Ruud Gullit beim AC Mailand. „Ich habe nur gesagt, dass ich ein Spiel gesehen habe mit einem Team, das vier farbige Spieler aufgestellt hat. Ich wollte unterstreichen, dass wir unseren Stolz und unsere nationale Identität verlieren.“

Viele italienische Vereine schotten sich gegen Kinder von Migranten ab

Was Sacchi, immerhin von 2010 bis 2014 Koordinator aller italienischen Nachwuchsauswahlmannschaften, vollkommen unterschlägt, ist die traurige Tatsache, dass viele italienische Vereine sich gegen Kinder von Migranten abschotten. Neapels Straßen etwa sind voll von Kindern nigerianischer und ghanaischer Eltern, junger Chinesen, Pakistaner, Marokkaner, Tunesier, Albaner und Ukrainer. In den Vereinen mit dem Bolzplatz um die Ecke findet man sie aber nicht. Während in Frankreich die Einwanderergeneration um Zinédine Zidane eine ganze Ära prägte, in Deutschland gegenwärtig die Generation Özil/Khedira den Ton angibt und selbst die kleine Schweiz dank der Generation Inler bei großen Turnieren mitspielt, ignoriert Italien dieses Potenzial noch immer.

Einzig der umstrittene Mario Balotelli, in Palermo geborener Sohn ghanaischer Immigranten, sowie Stefano Okaka, in Umbrien geborener Spross einer nigerianischen Familie, dürfen gelegentlich die blauen Nationaltrikots anziehen. Solange sich die Bolzplätze nicht für die Kinder der Migranten öffnen und Trainer lernen, sie als Sportler zu fördern, wird sich daran auch nichts ändern. Dieser alltägliche Rassismus im Sport ist Italiens fundamentales Problem.