Rassismusvorwürfe : Frankreichs ungeliebte Talente

Die Vorwürfe erhärten sich, dass Frankreichs Fußball-Nachwuchszentren rassistisch agiert haben. Manche Beobachter der Szenerie wollen in der aktuellen Affäre gar nur die Spitze des Eisberges sehen.

Matthias Sander
Botschafter Frankreichs. Lilian Thuram, hier bei Fußball-Entwicklungshilfe in Palästina, ist weiterhin ein Idol.
Botschafter Frankreichs. Lilian Thuram, hier bei Fußball-Entwicklungshilfe in Palästina, ist weiterhin ein Idol.Foto: AFP

Das kennt man noch aus Zeiten von Raymond Domenech: Es brodelt ein Skandal, Spieler sprechen sich für oder gegen den Trainer aus, das Sportministerium, Politiker und Soziologen schalten sich ein – und der Nationaltrainer flüchtet in den Urlaub. Laurent Blanc weilt laut „L’Équipe“ seit Sonntag in Italien. Einigen Wirbel hatte zuvor entfacht, dass Blanc mit anderen Verbands-Verantwortlichen die Einführung einer offiziösen Quote von 30 Prozent für binationale Spieler in Nachwuchszentren besprochen hatte. Dies belegte die Internetzeitung „Mediapart“ mit der wortgetreuen Wiedergabe einer Verbandssitzung, deren Authentizität keiner der Beteiligten bestritt.

Frankreich diskutiert nun, ob und wenn ja, wer rassistisch ist: Laurent Blanc? Einige Führungskräfte des Verbands (FFF)? Der gesamte FFF? Oder gar der französische Fußball überhaupt? Blanc hatte nämlich auf jener FFF-Sitzung vorgeschlagen, bei der Sichtung von 12- bis 14-Jährigen mehr auf Technik als auf Athletik zu achten. Auf diese Weise, so Blanc, könne man „unausgesprochen“ weniger Schwarze in die Nachwuchszentren aufnehmen und weniger Jungen, die womöglich eines Tages für ein anderes Nationalteam als das französische spielen werden. Soweit die mindestens verquere Logik des Laurent Blanc.

Blanc entschuldigte sich am Sonntag halbherzig für seine Äußerungen, die aus dem Zusammenhang gerissen seien. Nebenbei widersprach er ausdrücklich seinem vehementen Dementi zwei Tage zuvor, wonach nie von einer Quote die Rede gewesen sei. Und er sagte entrüstet, er sei nicht rassistisch. Mehrere Stimmen bestätigten das, am nachgiebigsten wohl Alou Diarra: „Es gibt eine Sache, die ich versichern kann: Laurent Blanc ist nicht rassistisch“, sagte der Nationalspieler, der schon bei Girondins Bordeaux unter Blanc gespielt hatte. Als Zeichen von dessen Toleranz sah Diarra, dass Blanc mehrfach praktizierenden Moslems während des Ramadans vereinfachtes Training gewährt habe.

Dagegen verhärten sich die Anschuldigungen gegen den FFF. André Mérelle, der zwischen 2004 und 2010 das zentrale Nachwuchszentrum in Clairefontaine bei Paris geleitet hatte, erhob gestern gegenüber „Mediapart“ schwere Vorwürfe gegenüber den Mitarbeitern der Direction Technique Nationale (DNT), welche die Nachwuchsarbeit des FFF verantwortet. Alle Jahre wieder habe man ihm im Bezug auf neu aufgenommene Jugendliche gesagt: „Sind wieder ganz schön viele Schwarze dabei...“

Manche Beobachter der Szenerie wollen in der aktuellen Affäre gar nur die Spitze des Eisberges sehen. So sagte der ehemalige Präsident von Olympique Marseille, Pape Diouf: „Der französische Fußball ist wie die Gesellschaft. Der französische Fußball ist rassistisch, er schließt aus.“ Das sind natürlich starke Sätze, die weitere Diskussionen provozieren.

Mit Spannung werden nun eventuelle weitere Konsequenzen aus dem Skandal erwartet. Francois Blaquart, der als Technischer Direktor auch dem Sportministerium untersteht, wurde bereits vorläufig suspendiert. Sage und schreibe drei Untersuchungen der Affäre sind in Gange: vom Sportministerium, vom FFF und von der Anti-Diskriminierungsbehörde Halde. Ergebnisse sind für Anfang nächster Woche angekündigt. Sportministerin Chantal Jouanno sprach schon von möglichen juristischen Schritten gegen die Beschuldigten. Und FFF-Präsident Fernand Duchaussoy sagte, dass auch Laurent Blanc sich erklären müsse.

Es ist nicht auszuschließen, dass der unter dem Trainer begonnene, aussichtsreiche Neuanfang der Nationalelf schon bald jäh endet.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben