Sport : Rassistisch und selbstgerecht

Das Vorgehen des südafrikanischen Leichtathletikverbandes im Fall Semenya ist der eigentliche Skandal

Wolfgang Drechsler[Kapstadt]
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Geheuchelte Empörung. Südafrikas Verbandschef Leonard Chuene (r.) wusste schon vor der WM von den Zweifeln an Caster Semenyas (l.)...Sports Inc

Jeden Tag vollzieht Caster Semenya ein merkwürdiges Ritual: Die südafrikanische Athletin, bei der es sich angeblich um einen Zwitter handelt, weil sie weder eine Gebärmutter noch Eierstöcke, dafür aber interne Hoden haben soll, schaut sich aufs Neue den Zusammenschnitt ihres Sieges beim 800-Meter-Frauenfinale in Berlin an. Sie sieht, wie sie mit gewaltigem Vorsprung durchs Ziel läuft. Dabei wiederholt Semenya unentwegt die Worte, die der Kommentator direkt nach dem stolzesten Moment in ihrem Leben spricht – in der gleichen Tonlage und Geschwindigkeit: „Aber ist sie nun ein Mann oder eine Frau? Ist sie ein Mann oder eine Frau?“

Dieses Ritual ist angeblich Teil einer Therapie, welche die 18-Jährige begonnen hat, um den öffentlich ausgetragenen Streit um ihr Geschlecht zu bewältigen. Sie selbst ist bislang die einzige, die so gut wie gar nicht zu Wort gekommen ist – und daran wird sich wohl auch nichts ändern. Längst hat sie sich von der Öffentlichkeit abgesondert; Interviews lehnt sie ab.

In den Mittelpunkt ist zuletzt stattdessen erneut jener Mann gerückt, der den Fall Semenya mit seinen wilden Anschuldigungen und Rassismusvorwürfen erst zum Politikum machte: Leonard Chuene, der Chef des südafrikanischen Leichtathletikverbandes Asa. Wochenlang hatte Chuene behauptet, von den Gerüchten um Semenyas maskulines Aussehen nichts gewusst zu haben und von der Kontroverse deshalb völlig unerwartet überrollt worden zu sein. Die Tage in Berlin, so jammerte er, hätten zu den schlimmsten seines Lebens gehört, zumal er dort gegen die ganze Welt habe kämpfen müssen.

Inzwischen steht fest, dass Chuene gelogen hat: Eine Reihe von E-Mails und Zeugenaussagen, darunter die des Cheftrainers und eines Arztes des südafrikanischen Nationalteams, belegen, dass Chuene lange vor der Abreise des Teams nach Berlin von den Zweifeln an der Weiblichkeit Semenyas wusste, ohne etwas unternommen zu haben. Zu groß war offenbar die Gier nach einer Medaille, wie der Sportmediziner Ross Tucker vermutet. Schlimmer noch: Chuene war darüber im Bilde, dass Semenya bereits in Südafrika auf ihre Geschlechtszugehörigkeit getestet worden war, da auch am Kap Bedenken darüber bestanden. Dass er selbst Semenya nicht darüber informierte, begründet Chuene nun mit dem angeblichen Schutz der Läuferin.

Unbegreiflich bleibt vor allem, dass Chuene jetzt keinerlei Reue zeigt, sondern wild um sich schlägt: Für ihn bleibt allein der Internationale Leichtathletikverband IAAF für das Fiasko um Semenya verantwortlich, weil dieser die Läuferin, sicherlich äußerst unklug, direkt vor dem Finallauf auf ihr Geschlecht überprüft hatte. Dass dies nur deshalb geschah, weil Chuene und sein Verband sich einer Kooperation verweigerten, scheint den Asa-Chef nicht zu interessieren. Dabei hatte der IAAF Südafrika vor der WM gebeten, Semenya wegen der Zweifel aus dem Team zu nehmen.

Für den Kapstädter Sportmediziner Ross Tucker ist das Vorgehen des südafrikanischen Leichtathletikverbandes der eigentliche Skandal. „Die Aussage der Asa, dass alle Zweifel am Geschlecht Semenyas durch ihre Akkreditierung als Frau hinfällig gewesen seien, ist unglaublich naiv, zumal Chuene vorher genau um jene Zweifel wusste“, sagt er. Ebenso kindisch sei die Aussage von Sportminister Stofile, bei einem möglichen künftigen Startverbot für Semenya einen „dritten Weltkrieg“ zu entfachen.

Einen Höhepunkt erreichte die Debatte erst dadurch, dass Chuene und die Sportfunktionäre des Landes nicht davor zurückschreckten, den Fall der Läuferin rassisch auszuschlachten – und dazu selbst den regierenden ANC mobilisierten. Auf einer Pressekonferenz geißelte Chuene „weiße Vaterlandsverräter“ für die Untersuchung Semenyas – und wurde dabei prompt von führenden ANC-Politikern wie Winnie Madikizela Mandela unterstützt. Er selbst, so tönte Chuene damals, werde es nie zulassen, dass Europäer „unsere Kinder inspizieren und deren Geschlecht festlegen“. Über die Diskriminierung, die Semenya wegen ihrer männlichen Züge unter Schwarzen erfährt, verlor er kein Wort.

Bei so viel Selbstgerechtigkeit überrascht es nicht, dass der als Lügner entlarvte Chuene seinen Rücktritt ablehnt. Sein Verband unterstützt ihn darin – und ließ wissen, den Fall Semenya bei Gelegenheit selber untersuchen zu wollen.

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