Sport : Ratlos im Mittelkreis

Schwedens Stars können das Aus nicht begreifen

Sven Goldmann[Faro]

Jede Mannschaft bei dieser Europameisterschaft hat auf ihren Bus einen Slogan lackieren lassen. Bei den Schweden heißt er: „Wir sehen uns im Finale!“ Das ist in der nichtschwedischen Öffentlichkeit wechselweise mit Verwunderung und Mitleid aufgenommen worden, für die Skandinavier selbst war es eine Selbstverständlichkeit. Wir sind gut genug für dieses Endspiel, was denn sonst?

Das erklärt vielleicht, warum Spieler wie Larsson und Ibrahimovic irritiert reagierten, als es schon nach dem Viertelfinale vorbei war mit ihren Ambitionen. Sie waren nicht traurig, weinten nicht, sie verstanden einfach die Welt nicht mehr. Noch eine Viertelstunde nach der 4:5-Niederlage im Elfmeterschießen gegen die Niederlande standen die Schweden auf dem Rasen des Algarve-Stadions und starrten in die Leere. Der Abwehrhüne Olof Mellberg wandelte allein durch den Mittelkreis, und es sah so aus, als spiele er in Gedanken noch einmal die spielentscheidende Szene durch, den sechsten schwedischen Elfmeter, mit dem er an Edwin van der Sar gescheitert war. Der kleine Anders Svensson ging als Letzter in die Kabine. Er war der Einzige, der sein Trikot mit einem Holländer getauscht hatte, und das nur, weil Clarence Seedorf ihn lange darum gebeten hatte.

Der Vorteil der Schweden bei dieser EM war, dass sie keiner so recht ernst genommen hat, trotz ihrer brillanten Leistung zum Auftakt beim 5:0 gegen Bulgarien. Danach hatten sie sich durchgemogelt – beim 1:1 gegen Italien durch Ibrahimovics Hackentor kurz vor Schluss, beim 2:2 gegen Dänemark durch das späte Ausgleichstor von Mattias Jonsson, das die favorisierten Italiener im Fernduell um die Teilnahme am Viertelfinale gebracht hatte. Gegen die Holländer schien sich die schwedische Fußball-Philosophie dem Leitgedanken unterzuordnen, irgendwie die Zeit zu überbrücken bis zum Elfmeterschießen, in dem der Gegner traditionell das Nachsehen haben würde. Im Gegensatz zu den Holländern hatten die Schweden bis zum Samstag jedes Elfmeterschießen bei einem großen Turnier gewonnen.

Allerdings, die Schweden mussten bisher erst ein Mal zum Entscheidungsschießen antreten – 1994 in den USA, als sie im Viertelfinale Rumänien ausschalteten. Am Freitag hatten sie noch geübt, heimlich hinter verschlossenen Toren in ihrem Trainingscamp. Den ersten Elfmeter verschoss dann ausgerechnet der Mann, der sein Selbstbewusstsein am offensivsten zur Schau getragen hatte: Jener Zlatan Ibrahimovic, der seinem Kollegen Henrik Larsson im ersten Vorrundenspiel gegen Bulgarien auf dem Weg zum Elfmeterpunkt noch den Ball aus den Händen gerissen hatte, weil er unbedingt auch ein Tor schießen wollte. Am Dienstag drosch er den Ball so hoch übers Tor, wie es zwei Tage zuvor schon dem Engländer David Beckham gelungen war.

Ibrahimovics Fehlschuss fügte sich in seine bescheidene Vorstellung in diesem Viertelfinale. Ausgerechnet gegen Holland machte der Stürmer von Ajax Amsterdam sein schwächstes Turnierspiel, und das traf die Schweden empfindlich. Ihr System basiert auf vielen lauf- und kampfstarken Defensivspezialisten sowie drei brillanten Individualisten in der Offensive. Von denen spielten gegen Holland nur Larsson und der überragende Freddy Ljungberg groß auf, beide trafen in der Verlängerung Latte und Pfosten des holländischen Tores. Ibrahimovic aber verschluderte eigensinnig manche viel versprechende Situation. Nach dem Elfmeterschießen verließ er wortlos den Platz. „Die Jungs sitzen alle in der Kabine und versuchen, das Erlebnis zu verarbeiten“, sagte Trainer Lars Lagerbäck. „Vor zwei Jahren sind wir bei der WM gegen Senegal durch ein Golden Goal ausgeschieden, jetzt nach dem Elfmeterschießen. Immerhin kommen wir dem Erfolg näher. Hoffentlich sehen wir uns bei der WM 2006 in Deutschland wieder.“ Mal sehen, was dann auf dem schwedischen Mannschaftsbus steht.

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