Sport : Ratlose Mienen

Schwimmbundestrainer Madsen löst Unruhe aus

Frank Bachner

Berlin - Daniela Samulski hatte gestern nur nachmittags Training, und am Beckenrand stand wie üblich Henning Lamberz, ihr Trainer. Samulski wird bei den Olympischen Spielen im Einzel über 100 Meter Delphin schwimmen, und Lamberz wird dabei zuschauen – am Fernseher. Denn Lamberz, einer der besten deutschen Trainer, steht nicht im Betreuerstab von Cheftrainer Örjan Madsen für Peking. Obwohl er zumindest vor Wettkämpfen auch Sarah Poewe betreut, Europarekordlerin über 100 Meter Brust. Poewe ist in Peking einer der deutschen Hoffnungsträger.

Lamberz ist in bester Gesellschaft. Auch Manfred Thiesmann, der Bundestrainer, darf nicht mit. Dafür ist Eva Herbst dabei, die als Heimtrainerin lediglich ihren Sohn Stefan betreut. Der hat sich mit Mühe für die Freistil-Staffel in Peking qualifiziert. Auch Frank Lamodke darf nach Peking. Lamodke betreut die Freistilschwimmer Lars Conrad und Jens Schreiber. Die haben sich allerdings auch nur die Staffel qualifiziert.

Was Herbst und Lamodke stärker qualifiziert als Lamberz, der auch Thomas Rupprath in die Weltspitze führte, bleibt vorerst Madsens Geheimnis. Der Norweger war gestern nicht zu erreichen. Dass er Thiesmann Illoyalität vorwirft, ist dagegen intern ziemlich klar. Offiziell will Madsen zu Thiesmann nichts sagen.

Aber andere reden, denn mit seiner Entscheidung hat der Cheftrainer einige Unruhe ausgelöst. Lamberz zum Beispiel empfindet „diese Begründung an den Haaren herbeigezogen“. Er habe Thiesmann „noch nie illoyal erlebt“. Auch Rupprath muss sich doch sehr wundern: „Der hängt sich für den Verband mit aller Kraft rein. Ich habe noch nie etwas erlebt, das auf Illoyalität deuten könnte.“ Er hätte „Herrn Thiesmann gerne dabei gehabt.“ Horst Melzer, der langjährige Trainer von Ex-Weltrekordler Mark Warnecke, sagt: „Das versteht nach außen keiner.“ Jürgen Fornoff, Generalsekretär des Deutschen Schwimmverbands (DSV), erklärt dagegen: „Madsen hat das Recht, die Mannschaft zusammenzustellen, die er für die beste hält. Er nimmt die Leute, zu denen er das größte Vertrauen hat.“ Zu Thiesmann hat Madsen zwar schon länger kein Vertrauen mehr, trotzdem war der Bundestrainer bei der EM 2006 und der WM 2007 dabei. Ja, stimmt schon, erwidert Fornoff, „aber Olympia ist etwas anderes“.

Lamberz hat eine andere Vermutung: „Madsen nimmt nur Leute mit, die nach seiner Pfeife tanzen. Wer die leiseste Kritik übt, bleibt zu Hause.“ Er hatte bei der WM 2007 mal ein heftiges Gespräch mit Madsen. Lamberz erfuhr von seiner Nichtnominierung, als Madsen in einer Sitzung die Liste seines Trainerstabs präsentierte. „Er hatte mich vorab nicht informiert, das finde ich besonders schade“, sagt Lamberz. In einer Mail lieferte Madsen später eine Begründung: Lamberz betreue Poewe ja nicht dauerhaft. Für Lamberz „eine fadenscheinige Begründung“. Poewe sei ihm immer zugerechnet worden, wenn es um Nominierungen gehe. Und dann gebe es ja noch Samulski. „Die betreue ich quasi 24 Stunden am Tag.“

Wie ernst es Madsen vor allem im Fall Thiesmann ist, zeigte er beim Treffen der Nationalmannschaft in Potsdam . Da verkündete er vor allen Athleten: „Entweder fährt Thiesmann oder ich.“ Für Rupprath „ist das Kindergetue“. Auch Lamberz schüttelt nur den Kopf: „So etwas sage ich doch nicht vor allen Leuten. Sollen sich die Schwimmer jetzt für einen Trainer positionieren?“ Rupprath hätte eine Lösung: „Es gibt mindestens fünf Schwimmer, die sich in Peking gerne von Herrn Thiesmann betreuen lassen würden. Die könnte man ihm doch geben.“ Die wird am ihm aber wohl nicht geben.

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