Sport : Ratloser Asket

Erich Schulze

Die Sonne strahlt, es ist warm, zumindest für einen Januartag. Ein idyllischer Tag in München, wenn man die Gelegenheit hat, einen Park oder Biergarten zu besuchen. Nicht aber an der Säbener Straße. Hier residiert der FC Bayern München, bei dem seit dem 1:5 gegen Schalke 04 nichts mehr normal ist. Es ist Dienstag, die Schlappe liegt drei Tage zurück, und die Stimmung ist erschreckend. Metallzäune versperren den Zutritt zum Trainingsgeländer, wie das so üblich ist einen Tag vor dem Auswärtsspiel. Heute spielen die Bayern im DFB-Pokal beim 1. FC Kaiserslautern (20.30 Uhr, live im ZDF), und natürlich wartet jeder schon auf die nächste Schlappe. Die Spieler tauchen erstmal unter, nur Trainer Ottmar Hitzfeld traut sich in die Öffentlichkeit.

Vergessen sind Champions-League-Sieg oder Weltpokal-Gewinn. Was im Moment zählt, sind die längste Serie ohne Sieg seit 32 Jahren und die höchste Schlappe seit siebeneinhalb Jahren. Und natürlich färbt das auch auf die Stimmung auf dem Trainingsplatz ab. Ottmar Hitzfeld ist gefasst, er benimmt sich ja stets wie ein Gentleman, aber er kann den Druck, unter dem er steht, nicht völlig leugnen. Genau gesagt steht Hitzfeld so sehr unter Druck wie wohl noch nie in seiner Karriere. "Es geht ihm wie allen beim FC Bayern, es geht ihm nicht gut", sagt Vizepräsident Karl-Heinz Rummenigge.

Hitzfelds Tränensäcke sind größer, die Furchen im Gesicht tiefer geworden. Das Lächeln wirkt gekünstelt, aufgesetzt. Der Versuch, Selbstsicherheit und Gelassenheit zu demonstrieren, scheitert. Der Analytiker ist ratlos. Zum ersten Mal in seiner Amtszeit beim FC Bayern. "Das ist für mich was Neues, das ich erst verdauen muss. Ich werde hier nicht gebückt rumlaufen. Das muss man erhobenen Hauptes durchstehen", sagt der 53-Jährige. Erhobenen Hauptes, das ist erst mal so ein Spruch. Das muss man ja auch schaffen, erhobenen Hauptes diese Krise zu bewältigen.

Siege müssen her. Bloß wie? Denn die Mannschaft ist verunsichert, geradezu ängstlich. Ein Wort, das die Bayern aus ihrem Sprachschatz eigentlich verbannt haben. Viele der Münchner, die sonst das "Mir-san-mir"-Gefühl vor sich hertragen wie ein Pfarrer die Monstanz, erklären plötzlich Platz drei zum Minimalziel. "Sonst", sagt Rummenigge, "haben wir ein Imageproblem. Wer bei acht Punkten Rückstand auf Leverkusen und Dortmund dennoch weiter vom historischen vierten Titel in Folge spricht, verkennt die Realität.

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Der Asket Hitzfeld muss die Negativserie verantworten. Gründe gibt es mehrere: Die Integration der lange verletzten Spieler klappte nicht, die Stimmung innerhalb des Teams ist angespannt. Hinzu kam seine Affäre mit einem brasilianischen Model. Vor allem aber macht ihn die Treue zu Kapitän Stefan Effenberg angreifbar.

Statt frühzeitig den ohnehin geplanten Umbruch einzuleiten, wollte Hitzfeld nicht auf Effenberg verzichten - und bekam die Quittung: Mit Effenberg hat der Meister keines seiner sieben Bundesligaspiele gewonnen, dennoch tönt der Spielmacher: "Die Jungs sollen mir die Bälle geben, dann läuft es auch wieder." Effenberg wird heute spielen, weichen müssen andere: Scholl, Jeremies, Elber, Santa Cruz könnte es treffen. Willy Sagnol trifft es auf jeden Fall: Der Verteidiger fällt wegen einer Meniskusverletzung zwei bis drei Wochen aus.

"Wir stehen in der Schuld der Fans", sagt Hitzfeld, "und wollen einiges wieder gutmachen. Dann wird sich die Lage beruhigen." Und wenn nicht? Wenn am Sonntag innerhalb von vier Tagen nicht nur der Pokalsieg verpasst, sondern bei einer Pleite gegen Leverkusen auch der Titel wohl zu weit weg sein wird? Bei Intertops werden die Quoten für Hitzfelds Rauswurf bereits neu bewertet. Doch Rummenigge verkündet: "Ottmar Hitzfeld ist unantastbar. Er ist eine Persona gratissima." Schön hat er das gesagt. Aber es war auch schön, wie Albert Caspers, der Präsident des 1. FC Köln, gesagt hatte: "Wir steigen notfalls mit Ewald Lienen auch in die Zweite Liga ab." Am Montag wurde Lienen gefeuert.

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