Sport : Raus aus dem Abstiegskampf

Bayern München ist tatsächlich Herbstmeister

Stefan Hermanns

Berlin - Ganz am Ende bescherte der Tag Ottmar Hitzfeld doch noch eine erfreuliche Erkenntnis. Der Trainer des FC Bayern München hatte gerade einen jener Statistikbögen mit den wichtigsten Daten zum Spiel seiner Mannschaft bei Hertha BSC in die Finger bekommen. Doch Hitzfeld interessierte sich weniger für all die neumodischen Parameter, in die man ein Spiel heutzutage zerlegen kann, in Ballbesitz und Torschussvorlagen, Flanken und gewonnene Zweikämpfe; er hielt sich vor allem an die Mutter aller Fußballstatistiken: die Tabelle. Nach dem Abschluss der Hinrunde weist sie den FC Bayern tatsächlich als Führenden, vulgo Herbstmeister auf, „was wir sehr gerne zur Kenntnis nehmen“, wie Hitzfeld sagte. „Nach den letzten Tagen dachte ich, wir sind im Abstiegskampf.“

Im überdrehten Fußballgeschäft sind erstaunliche Karrieren möglich, für niemanden gilt das mehr als für die Bayern – ganz besonders in dieser Saison. Im Sommer konnte man seriös darüber diskutieren, ob die Mannschaft wohl mit 34 Siegen die Meisterschaft gewinnen werde, am Ende der Hinserie waren die Bayern dann schon gefühlter Abstiegskandidat. „Zu Beginn lief alles wie im Märchen“, sagte Hitzfeld. „Jetzt ist der Alltag eingekehrt.“ Der Verfall in der öffentlichen Wahrnehmung ist rapide vorangeschritten und trifft längst auch Hitzfeld selbst. Sogar sein Verbleib bei den Bayern über den Sommer hinaus gilt inzwischen als fraglich.

Am Ende des Jahres 2007 retteten sich die Bayern mit dem minimalen Vorsprung von fünf Toren ins Ziel, und als gestern im Olympiastadion in schneller Folge die Treffer der Bremer vermeldet wurden, konnte man den Eindruck gewinnen, dass Werder den Münchnern nicht einmal diesen kleinen Triumph gönnte. Fast ein wenig zu euphorisch hielten sich die Bayern am Ende an der Herbstmeisterschaft fest. „Ich freue mich, dass wir den Titel gewonnen haben“, sagte Manager Uli Hoeneß, der die öffentliche Kritik als wenig gerechtfertigt empfindet. Immerhin hat die Mannschaft in der Hinrunde nur ein Spiel verloren, zudem erst acht Gegentore kassiert. „Wir sollten aufhören herumzueiern und uns einfach mal freuen“, sagte Hoeneß.

Sein offensiver Optimismus wirkte nach dem zweiten 0:0 hintereinander etwas aufgesetzt, zumal die Bundesliga offensichtlich spitz gekriegt hat, wie die Bayern zu packen sind. Hertha hatte keine Skrupel, selbst in einem Heimspiel auf die MSV-Duisburg-Auswärtstaktik zu setzen und das eigene Tor mit kompletter Besetzung zu verteidigen. Das Erstaunliche ist, dass selbst das spielerisch stärkste Team der Liga es nicht mehr schafft, derartige Bollwerke auseinanderzuspielen. 67 Prozent Ballbesitz verzeichnete die Statistik für die Bayern, zielführend waren ihre Bemühungen selten. Von 19 Schüssen flogen nur drei aufs Tor. Die ganze Unentschlossenheit zeigte sich sieben Minuten vor Schluss, als Franck Ribéry im Strafraum hätte schießen können, er aber noch einen Gegner ausspielen wollte und dabei den Ball verlor. Große Spieler machen das Komplizierte einfach. Nicht umgekehrt.

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