Sport : Raus aus dem Untergrund

Nach jahrzehntelangem Niedergang ist der deutsche Motorradsport im Aufwind – dank Stefan Bradl und Sandro Cortese.

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Schwere Maschine, ganz leichtfüßig. Stefan Bradl fährt mittlerweile in der wichtigsten Rennklasse, der MotoGP. Foto: AFP
Schwere Maschine, ganz leichtfüßig. Stefan Bradl fährt mittlerweile in der wichtigsten Rennklasse, der MotoGP. Foto: AFPFoto: AFP

Berlin - Sandro Cortese ist ein deutscher Sportheld. Das muss man erwähnen, weil das viele Deutsche noch nicht wissen. Der 22-Jährige ist drauf und dran, Weltmeister zu werden, leider steht sein Sport derzeit nicht gerade im Mittelpunkt der öffentlichen Wahrnehmung. Nein, Sandro Cortese ist weder Kanute noch Curler, er ist Motorradfahrer.

Seit 2005 fährt Cortese in der WM, vor einem Jahr gewann er endlich sein erstes Rennen, in Brünn war das. In dieser Saison hat der Pilot aus Berkheim auf dem Sachsenring den ersten deutschen Heimsieg seit 16 Jahren geholt und führt sogar die WM-Wertung in der Moto3-Klasse an. Cortese ist jetzt ein Star, aber eben nur ein Szene-Star. „Mich erkennen schon mehr Leute als früher“, sagt der Schwabe. „Doch das sind meist welche aus der Motorrad-Ecke.“

Bis Mitte der Neunzigerjahre war die Motorrad-Ecke eine ziemlich große im öffentlich-rechtlichen Deutschland, die Sportschau widmete sich regelmäßig den Erfolgen von Toni Mang oder Ralf Waldmann. Als dann aber der Livesport in den Privatsendern seinen Triumphzug antrat, verloren die Motorräder den Anschluss. Michael Schumacher kam und die Autofahrernation wandte sich der Formel 1 zu. RTL versuchte es 2004 mit der Motorrad-WM, brach das Experiment aus Mangel an schnellen deutschen Fahrern aber bald wieder ab.

Derzeit überträgt Sport 1 für ein überschaubares Fachpublikum. Und selbst in dem Spartensender muss die Untergrundszene um Anerkennung kämpfen. Manchmal werden die Rennen nur als Aufzeichnung gezeigt, weil gleichzeitig live über Fußball gefachsimpelt wird. „Es ist natürlich schwierig, wenn der Fußball-Stammtisch zur gleichen Zeit wie das Rennen ist. Aber das sehen eben noch mehr Leute, auch wenn es traurig ist“, sagt Cortese. „Wir müssen froh sein, dass es überhaupt Livebilder in Deutschland gibt.“ Da spricht auch die Demut eines Sportlers, der zwar deutsche Sponsoren hat, „aber keinen wirklich großen. In Deutschland sind Fußball und Formel 1 eben die wichtigsten Sportarten.“ Vielleicht ändert sich das ein wenig, wenn Cortese am Ende der Saison der zweite deutsche Motorrad-Weltmeister innerhalb eines Jahres wird.

Der Titelgewinn von Stefan Bradl leitete bereits eine kleine Renaissance der deutschen Zweiradfahrer ein. Der Bayer wurde im vergangenen Jahr Weltmeister in der Moto2-Klasse, dieses Jahr legt er in der wichtigsten Klasse MotoGP eine beeindruckende Debütsaison hin. Momentan liegt er noch vor dem Superstar Valentino Rossi auf dem sechsten WM-Rang, das nötigt selbst den Branchengrößen Respekt ab. Bradl ist der Held, den die Kameras in Deutschland lange gesucht haben. Zwar kein schillernder Usain Bolt, Bradl mag es eher bodenständig. Aber er hat sich und seinen Sport spätestens seit dem Titelgewinn auch in motorradfernen Kreisen zurück ans Tageslicht gebracht. „Es bringt auf jeden Fall mehr Aufmerksamkeit, dass Stefan jetzt als Weltmeister in der MotoGP ist“, sagt Sandro Cortese.

Bis zu 20 Prozent mehr Deutsche sitzen nun bei den Rennen vor den Bildschirmen. Auf dem Sachsenring im Juli nächtigte Bradl sogar erstmals nicht auf dem Campingplatz, weil ihm der Rummel um seine Person zu viel wurde.

Angeführt von Bradl fahren die deutschen Piloten so erfolgreich wie seit den Neunzigerjahren nicht mehr. „Wir Deutschen sind wieder im Kommen“, sagt Cortese. In der Moto3 standen am Wochenende in Brünn sogar zwei von ihnen auf dem Podest. Auf Platz drei Cortese, ganz oben sein Landsmann Jonas Folger. Der machte einst als erst 15 Jahre alter Neuling ohne Führerschein Schlagzeilen, vier Jahre später scheint der Teenager langsam zum Spitzenfahrer heranzureifen. Und es gibt hoffnungsvolle Talente, die größten sind die beiden 16-Jährigen Luca Amato und Philipp Öttl. Sie fahren in der spanischen Motorradmeisterschaft vorn mit, der wichtigsten Nachwuchsserie. Vielleicht sind sie schon nächstes Jahr in der Moto3.

In diesem Jahr fährt dort noch Sandro Cortese um den WM-Titel. Nach 11 von 17 Saisonrennen hat er 32 Punkte Vorsprung auf den Spanier Maverick Viñales. „Ich bin noch fleißiger geworden, vor allem konstanter“, sagt Cortese. „Ich habe dieses Jahr nur zwei Rennen gewonnen, war aber oft auf dem Podest.“ Um auch außerhalb der Szene bekannter zu werden, muss er aber aufsteigen. Langfristig in die glamouröse MotoGP, nächstes Jahr erst einmal in die zweithöchste Klasse Moto2. Angebote hat er dazu, aber „ich konzentriere mich erstmal auf den Titelkampf“. Wie es auch kommt, einen Aufsteiger hat Sandro Cortese bereits ausfindig gemacht: „Mit dem Motorradsport geht es wieder aufwärts in Deutschland.“

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