Sport : Raus aus der Model-WG

Bert van Marwijk erklärt seinen Rücktritt als Bondscoach, Louis van Gaal könnte ihn beerben.

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Ausgespielt.Foto: AFP

Die ukrainische Moderatorin setzte ein Dutzend Mal an, gab dann aber nach drei Minuten auf. Sie wollte über die niederländischen Fans vor dem Duell gegen Deutschland in Charkiw berichten, doch die vorbeiziehenden Horden in Oranje tanzten, tröteten und feierten um sie herum. Eine Moderation war nicht möglich. Man könnte sagen: So geschlossen wie in diesem Moment traten die Niederländer im gesamten Turnier nicht auf.

Nach dem schlechtesten Abschneiden bei einem großen Turnier mit null Punkten erklärte Trainer Bert van Marwijk am Mittwoch seinen Rücktritt. „Ich habe lange gezweifelt, aber am Ende mich doch entschieden, diesen Schritt zu gehen“, ließ van Marwijk in einer Pressemitteilung verlauten. Der niederländische Verband bedauerte den Rücktritt. Direktor Bert van Oostveen hatte dem Trainer nach dem 0:1 im Auftaktspiel gegen Dänemark noch eine Jobgarantie ausgestellt – selbst für den Fall eines Ausscheidens in der Vorrunde. Van Marwijk besaß einen gültigen Vertrag bis 2016.

Die Gründe für das Ausscheiden liegen nach der erfolglosen EM (null Punkte, Gruppenletzter) aber auf der Hand: Der ehemalige Dortmunder Trainer muss sich zuletzt vorgekommen sein wie der Juror eines Model-Castings. Fast täglich gifteten seine Starlets, brachen sich aber auf dem Laufsteg die Hacken ab. Mittelfeldregisseur Wesley Sneijder kritisierte nach der Pleite gegen die Dänen die Mannschaftskollegen im Sturm. „Ich bin Mittelfeldspieler, ich soll die Pässe spielen. Doch die Stürmer müssen auch mal das Tor treffen.“ Die nicht berücksichtigten Rafael van der Vaart und Klaas-Jan Huntelaar machten aus ihrem Unmut sowohl intern als auch in der Öffentlichkeit keinen Hehl. Zu guter Letzt sorgte noch der Münchner Arjen Robben für einen Eklat, als er während des Spiels gegen Portugal auf die Anweisungen van Marwijks mit einem wenig diplomatischen „Halt die Klappe“ reagierte.

In den Niederlanden selbst erfuhr van Marwijk wenig Unterstützung. Der ehemalige Topstürmer Ruud van Nistelrooy mäkelte an der Aufstellung und Johan Cruyff ging ins Grundsätzliche: „Van Marwijk hat es verpasst, den Umbruch nach der WM vor zwei Jahren zu vollziehen.“

Bei eben jener Weltmeisterschaft belegten die Niederländer den zweiten Rang, die Elf drängte die Spanier im Finale an den Rand einer Niederlage. Viel Kredit brachte die Endspielteilnahme und die souveräne EM-Qualifikation dem Trainer van Marwijk nicht ein. Der zurückhaltende Spielstil mit zwei Abräumern im defensiven Mittelfeld bedeutete einen Bruch mit dem niederländischen Kulturgut „Offensivfußball“, van Marwijks Abkehr davon kam einer Verpfändung der Grachten gleich. „Wir spielen nur noch effizient. Aber wenn der Erfolg ausbleibt, haben wir gar nichts, woran wir uns halten können“, sagte dazu der ehemalige Torhüter Hans van Breukelen.

Neben der Abneigung gegen den nüchternen Spielstil erregte die niederländische Öffentlichkeit die Verbannung von Klaas-Jan Huntelaar auf die Reservebank. Die Frage, ob der Torschützenkönig der Bundesliga oder Robin van Persie im Sturm aufläuft, wurde diskutiert wie sonst nur die „Beatles oder Stones?“-Glaubensfrage in der Musik. Einen Sturm mit beiden Akteuren schloss van Marwijk erst aus, ließ sich im letzten Gruppenspiel allerdings darauf ein. Zu diesem Zeitpunkt machten bereits Meldungen die Runde, Huntelaar habe sich im Quartier derart danebenbenommen, dass sich die Mannschaft für eine Abreise des Schalkers ausgesprochen habe. Gertjan Verbeek, Huntelaars früherer Trainer und Vertrauter, hatte bereits vor dem Turnier gegenüber „de Volkskrant“ gesagt: „Wenn Klaas-Jan nicht berücksichtigt wird, dann fliegt er nach Hause.“ Darauf angesprochen sagte Huntelaar: „Darüber denke ich noch nicht nach.“ Noch wohlgemerkt.

Rafael van der Vaart, ebenfalls Problemkind, schickte dem Scheidenden wenig blumige Worte hinterher: „Das Einzige, was ich sagen will, ist, dass wir 2010 zusammen erfolgreich waren. Die EM aber war ein Tiefpunkt.“

Innerbetriebliche Störungen während eines Turniers sind bei den Niederländern allerdings obligatorisch. 1996 dividierte der Streit um unterschiedliche Prämien von schwarzen und weißen Spielern die Mannschaft auseinander. Edgar Davids riet dem damaligen Trainer Guus Hiddink: „Er sollte den Kopf aus dem Hintern einiger Spieler nehmen.“

Das vermeintlich für die Betreuung der Elftal erforderliche Grundstudium in Pädagogik mag nun auch so manchen Kandidaten abgeschreckt haben. Sowohl Frank de Boer als auch Ronald Koeman und Frank Rijkaard lehnten den Job umgehend ab, direkt nachdem ihre Namen das erste Mal überhaupt in der Nachfolgerdiskussion kursierten.

Bliebe ein Mann, der vor keiner Aufgabe zurückschreckt: Louis van Gaal. Die niederländischen Fans favorisieren ihn und van Gaal selbst hatte immer davon gesprochen, noch einmal die niederländische Nationalelf betreuen zu wollen. Während seiner ersten Amtszeit verpasste er mit dem Team die Qualifikation zur Weltmeisterschaft 2002. Seitdem besaß er in jedem seiner Verträge als Vereinstrainer eine mögliche Ausstiegsklausel für das Amt des Bondscoach.

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