Sport : Rauschmittel mit Nebenwirkungen

Nach vier Treffern gegen Udine sucht Werder nach Erklärungen für drei Gegentore in sechs Minuten

Steffen Hudemann[Bremen]

Als im Weserstadion der große Jubel losbrach, feierte ein Fan auf seine Weise. Werder Bremens Johan Micoud hatte gerade zum 3:0 gegen Udine getroffen. Und während die meisten Zuschauer die Freude über den vermeintlich sicheren ersten Sieg dieser Champions-League-Saison einfach herausschrieen, stellte der Rollstuhlfahrer schräg hinter dem Tor den Warnblinker an seinem elektrischen Gefährt an. So blinkte es noch immer aus der Kurve, als das Spiel längst wieder angepfiffen war.

Vielleicht wäre alles anders verlaufen, wenn die Mannschaft in dieser Phase das auffällige Leuchten in seiner eigentlichen Bedeutung aufgefasst hätte: als Warnung vor Gefahren. Denn was sich nach dem dritten Tor und dem Blinken im Weserstadion abspielte, kam so unerwartet, dass die Bremer anschließend Mühe hatten, es in Worten auszudrücken. „Plötzlich guckst du auf die Anzeigetafel, und es steht 3:3“, sagte Nationalspieler Tim Borowski. Und der dänische Abwehrspieler Leon Andreasen, der sich schon während des Geschehens auf dem Rasen fassungslos die Hände vors Gesicht gehalten hatte, schüttelte noch lange nach dem Abpfiff verwundert den Kopf. „Diese sechs Minuten waren ein Alptraum.“

Denn eigentlich waren die Italiener schon „mausetot“, wie Borowski es ausdrückte, oder jedenfalls, so Udines Trainer Serse Cosmi, „kurz davor, hier unterzugehen“. Mit Ausnahme eines Pfostenschusses durch Iaquinta in der ersten Halbzeit war Udine völlig harmlos. Und schoss nun innerhalb von sechs Minuten drei Tore, zweimal durch di Natale sowie mit Hilfe des Bremers Christian Schulz, um am Ende doch mit einer 3:4-Niederlage aus dem Stadion zu gehen.

Nun hat es in Bremen schon viele unglaubliche Spiele gegeben, und so launig wie in diesem Kalenderjahr waren die Bremer selten. Doch in diesem Spiel spiegelte sich alles wider, wofür der SV Werder derzeit steht. Da sah man eine Mannschaft, die mit meisterlicher Souveränität auftrat. Die den Gegner mit schnellen Kombinationen verwirrte und zur Halbzeit nicht nur 14:2-Torschüsse, sondern auch zwei sehenswerte Treffer durch Klose und Baumann vorweisen konnte. Und dann gab es noch eine Mannschaft, deren Torwart einen harmlosen Schuss passieren ließ. Die nach dem ersten Gegentor jegliche Ordnung verlor und wie ein Haufen Thekenfußballer nach dem dritten Pils über den Platz irrte. Das Problem ist, dass nicht nur beide das Trikot des SV Werder tragen, sondern auch, dass man nie weiß, wann und warum sie sich verwandeln.

„Vielleicht ist das nicht unser Ding, Ergebnisse cool nach Hause zu bringen“, sagte Trainer Thomas Schaaf. Und auch Tim Borowski sah im ungehemmten Offensivdrang eine Ursache: „Wir wollen immer noch das vierte und das fünfte Tor machen. Das braucht man aber gar nicht.“ Oder war es doch eher die „Überheblichkeit“ nach der 3:0-Führung, die Torsten Frings ausgemacht hatte? Ist die Mannschaft bisweilen so berauscht vom eigenen Spiel, dass sie vergisst, dass der Gegner auch mit dem Ball umgehen kann?

So unerklärlich das plötzliche Chaos, so erstaunlich ist es, dass die Mannschaft sich nach einem derartigen Schock wieder besinnt, das Spiel beruhigt und ihr durch Micoud tatsächlich noch das verdiente 4:3 gelingt. Und dass am Ende das bleibt, „was wir uns vor dem Spiel erhofft haben“, wie Borowski sagte. Drei Punkte nämlich, mit denen die Bremer nun gute Chancen haben, als Gruppenzweiter das Achtelfinale zu erreichen.

Morgen allerdings muss Werder Bremen in der Münchner Allianz-Arena erst einmal zum Bundesliga-Spitzenspiel beim FC Bayern antreten, der das 3:0 bei ähnlichem Spielverlauf wohl unspektakulär über die Zeit gebracht hätte. Im Bremer Erlebnisfußballpark ist so etwas kaum vorstellbar. „Es lohnt sich immer, ins Weserstadion zu kommen“, sagte Thomas Schaaf, „hier ist immer was los.“ Und so verspricht auch das Spiel in München, in dem die Bremer auf den am Blinddarm operierten Ivan Klasnic verzichten müssen, aufregend zu werden. Es muss ja nicht gleich so kommen, wie es Innenverteidiger Naldo ankündigte: „Wenn die Bayern neun Tore schießen, machen wir eben zehn.“ Obwohl – ausschließen kann man bei Werder inzwischen gar nichts mehr.

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