Raymond Domenech : "Ich habe nur eine Mission"

Spötter in Frankreich behaupten, Raymond Domenech gehe zum Lachen immer in den Keller. Doch nach dem Finaleinzug zeigt sich der Trainer der "Equipe tricolore" gelöst wie selten zuvor.

Berlin - Domenech gilt als mürrischer Sturkopf und Egozentriker. Aufgrund seiner eigenwilligen, abweisenden und schroffen Art ist der 54-Jährige in seiner Heimat auch alles andere als beliebt. Mit den französischen Medien steht Domenech seit seinem Amtsantritt am 12. Juli 2004 auf Kriegsfuß. Ihnen begegnet er regelmäßig mit Sarkasmus, Häme und Spott - dabei ist seine Freundin Estelle Denis TV-Journalistin.

Am späten Mittwochabend wirkte Domenech jedoch locker wie selten zuvor. Als er Minuten nach dem Abpfiff in den Katakomben der Münchner WM-Arena für das exklusive Trainer-Interview mit den Machern der Fifa-WM-Interseite vor der Kamera Platz nahm, strahlte der Buhmann der «Grande Nation» eine unglaubliche Zufriedenheit aus. Während er seine umgehängte Akkreditierung abstreife und sich schnell noch den Schweiß von der Stirn wischte, pfiff er verschmitzt grinsend die ersten Takte von «Fratelli d'Italia», der italienischen Nationalhymne - und lachte laut auf.

Dass sich Domenech derart gut gelaunt in die Hände der verhassten Presse begab, hatte natürlich seinen guten Grund: Zum zweiten Mal nach 1998 im eigenen Land schaffte Frankreich dank eines verdienten 1:0-Sieges gegen Portugal den Einzug ins Endspiel einer Fußball-Weltmeisterschaft. Dort treffen «Les Bleus», die angesichts des holprigen WM-Starts noch als «Les Vieux» verspottet wurden, am Sonntag in Berlin (20.00 Uhr, live in der ARD und bei Premiere) auf den dreifachen Weltmeister Italien. «Ich habe nur eine Mission - die WM gewinnen», hatte Domenech vor dem Turnier als Marschrichtung ausgegeben. Nun fehlt ihm nur noch ein Sieg, um seine Kritiker endgültig Lügen zu Strafen.

«Die Kritik von Seiten der Medien war nie ein Problem für uns. Wir wussten ganz genau, was wir können», hob Domenech nach dem intensiv geführten, aber an Höhepunkten armen WM-Halbfinale hervor. Der Schlüssel zum französischen Erfolg lag wie schon im Viertelfinale gegen Brasilien (1:0) in der Defensive. Ein ums andere Mal verfingen sich die technisch versierten Portugiesen mit ihrem feinen Kurzpassspiel in dem von Domenech engmaschig gestrickten 4-4-1-1-System. Die wenigen Bälle, die ihren Weg am Mittelfeld-Bollwerk Patrick Vieira und Claude Makelele vorbei fanden, wurden allesamt leichte Beute von Lilian Thuram.

Triumph der Zement-Taktik

Dank der Zement-Taktik - der Juve-Stürmer David Trezeguet zum Opfer fiel - und seiner Vorderleute wurde Schlussmann Fabien Barthez kaum ernsthaft geprüft. Für die wenigen Gefahrenmomente im eigenen Strafraum zeichnete der umstrittene Glatzkopf selbst verantwortlich. Der 35-Jährige, der trotz einer fünfmonatigen Sperre nach einer Spuckattacke von Domenech zur Nummer eins bestimmte wurde, hielt kaum einen Ball sicher und ist gemeinsam mit Linksverteidiger Eric Abidal der große Schwachpunkt einer ansonsten sehr homogenen Elf.

Dies dürfte auch Italiens Trainerfuchs Marcello Lippi nicht entgangen sein, dessen «Squaddra Azzurra» im Finale als leichter Favorit gehandelt wird. Trotzdem werden am Sonntagabend alle Augen in erster Linie auf einen Mann gerichtet sein: Zinédine Zidane. Der 34-jährige Superstar von Real Madrid schoss die «Equipe Tricolore» mit seinem Elfmetertreffer ins Finale und kann dort seine einzigartige Karriere mit dem zweiten Weltmeistertitel krönen, ehe er von der Fußball-Bühne für immer Abschied nimmt.

Zizou elektrisiert Frankreich

Ganz Frankreich ist schon jetzt von Zizous bevorstehender letzten Gala wie elektrisiert - nur einen interessierte das schon in München herzlich wenig. «Für uns ist es nicht das letzte Spiel von Zidane, sondern das Endspiel, noch dazu gegen Italien. Im Gegensatz zu dem, was gesagt und geschrieben wurde, geht es nicht um ein Abschiedsspiel, sondern um die Weltmeisterschaft», ließ Domenech keinen Platz für Sentimentalitäten, wenngleich er auch noch schnell anmerkte, dass uns «Zidane zehn Jahre lang verzaubert» hat.

Der Fußball-Zauberer, -Künstler und -Gott in einer Person wollte indes keinen Kommentar zu seinem persönlichen Finale abgeben. Bis weit nach Mitternacht drängten sich die Journalisten am ersten Absperrungsgitter der Mixed-Zone in der Hoffnung, Zidane als erstes das Mikrofon unter die Nase halten zu können - vergeblich. Als sich minutenlang niemand mehr aus der französischen Kabine blicken ließ, schaute ein Ordner nach dem Rechten - und kehrte kopfschüttelnd zurück: «Fini». (Jens Bauszus, ddp)

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