RB Leipzig : Leipzig sehnt sich nach Profifußball

Der Retortenklub RB Leipzig könnte im dritten Versuch den Einzug in den Profifußball schaffen. Das gefällt in Leipzig längst nicht allen - doch Rasenballsport fasst immer mehr Fuß in der Stadt, die sich nach Profifußball sehnt.

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Roter Jubel. Zweimal verpasste Rasenballsport Leipzig den Aufstieg in die Dritte Liga. Nach dem 2:0 gegen Lotte kann es der Retortenklub im Rückspiel am Sonntag schaffen.
Roter Jubel. Zweimal verpasste Rasenballsport Leipzig den Aufstieg in die Dritte Liga. Nach dem 2:0 gegen Lotte kann es der...Foto: dpa

Alexander Zorniger hielt eine Rede, die angesichts der aktuellen Ereignisse etwas aus der Zeit gefallen schien, und gerade deshalb programmatischer Natur war. „Einfach zum Kotzen“ sei die Aufstiegsregelung, sagte der Trainer des Nordost-Regionalligisten Rasenballsport Leipzig. Sechs Klubs aus fünf Regionalligen ermitteln in drei Play-off-Duellen die Aufsteiger für die Dritte Liga. Selbst ein souveräner Meister wie der Retortenklub aus Leipzig, der in dieser Saison kein einziges Spiel verloren hat, der etliche Traditionsvereine der DDR hinter sich gelassen hat, muss sich erst noch durch die Relegation kämpfen. „Ganz grob gegen den Sport“ sei das, findet Zorniger.

Dabei werden ihn die Folgen vermutlich gar nicht mehr betreffen. Nach dem 2:0 im Relegationshinspiel gegen den West-Ersten Sportfreunde Lotte deutet einiges darauf hin, dass der erst 2009 vom Getränkekonzern Red Bull gegründete Verein in der neuen Saison im Profifußball spielen wird. Die Sportfreunde aus der 14.000-Einwohner-Gemeinde im Tecklenburger Land, als deren größte Attraktion das nahe Autobahnkreuz gilt, zählen nicht unbedingt zu den klingendsten Namen des internationalen Fußballs; im konkreten Fall aber waren sie der schwerste Gegner, den Rasenballsport in der Relegation kriegen konnte. Gemessen daran erarbeitete sich RB durch das 2:0 eine glänzende Ausgangslage für das Rückspiel am Sonntag. „In Lotte kann uns nur noch Arroganz oder Überheblichkeit stoppen“, sagte Stürmer Stefan Kutschke, der per Elfmeter das 1:0 erzielt hatte.

Zweimal ist Rasenballsport am Aufstieg in die Dritte Liga gescheitert, am vermutlich entscheidenden Schritt auf dem Weg nach ganz oben. Der Einzug in den Profifußball käme einem Quantensprung gleich. Das große Ziel Bundesliga geriete zumindest in Sichtweite, und als Drittligist könnte der Klub Spieler ganz anderer Qualität verpflichten, als es ohnehin schon der Fall ist. Die Bedeutung des Spiels war auch dem Publikum nicht verborgen geblieben. 30.104 Zuschauer im Zentralstadion sind Rekord für ein Viertligaspiel in Deutschland. „Das ist ein Ausrufezeichen“, sagte Ralf Rangnick, Sportdirektor der beiden Red-Bull-Teams in Leipzig und Salzburg. „Es zeigt, wie sehr die Stadt darauf wartet.“

Es war kurz vor dem Anpfiff, als im Block D ein selbst bemaltes Transparent enthüllt wurde: „Leipzig für SF Lotte“. In Block D hatten sich die Dissidenten versammelt, Fans vor allem ostdeutscher Traditionsklubs, die sich sonst das Schwarze unter dem Fingernagel nicht gönnen, die sich aber einig sind in ihrer Abneigung gegen das Projekt RB. Per Facebook hatte die Initiative „Getrennt in den Farben! Vereint in der Sache!“ dazu aufgerufen, Lotte zu unterstützen. Ein paar hundert waren dem Aufruf gefolgt. Sie feuerten Lotte an, beschimpften RB und riefen: „Ihr macht unseren Sport kaputt!“ Völlig unbegründet ist dieser Vorwurf nicht. Zumindest der sportliche Wettbewerb ist weitgehend außer Kraft gesetzt, wenn ein einziger Verein dank großzügiger Alimentierung allein für sein Nachwuchszentrum mehr Geld ausgeben kann (etwa 30 Millionen Euro) als alle 15 anderen Wettbewerber zusammen für ihren Ligabetrieb.

Dass Rasenballsport bei allen begründeten Vorbehalten in Leipzig immer mehr Fuß fasst, hat allerdings auch etwas mit den Zuschauern in Block D zu tun, mit den selbst ernannten Hütern der Tradition. Einige finstere Gestalten fanden sich darunter, die nach dem 2:0 versuchten, die Haupttribüne zu stürmen und zwei Böller in Richtung Balljungen warfen. „Da fragt man sich, wer den Sport kaputt macht“, sagte Stefan Kutschke. „Für mich sind das keine Fußballfans. Fußballfans benehmen sich nicht so.“

In Leipzig haben sie sich viel zu lange genau so benommen. Das Publikum hat genug von diesen Auswüchsen, von der ewigen Feindschaft zwischen Lok und Sachsen, zwischen Rechten und Linken, vom archaischen Gehabe, von Gewalt und fremdenfeindlichen Gesängen. Die Stadt mit ihrer großen Fußballtradition sehnt sich nach ansehnlichem und ambitioniertem Fußball, notfalls aus der Retorte. Dass diese Sehnsucht jetzt von einem vereinsähnlichen Konstrukt befriedigt wird, dessen einziger Zweck die Vermarktung eines klebrigen Softdrinks ist – das ist wohl die Kröte, die Leipzig schlucken muss.

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