Reaktion auf Kommentar : Hoffenheim boykottiert den Tagesspiegel

"Ich gehe von Ihrem Verständnis aus, dass zukünftige Anfragen des Tagesspiegel bei uns nicht mehr berücksichtigt werden" - so reagiert Bundesligist TSG 1899 Hoffenheim auf einen Kommentar im Tagesspiegel. Wir dokumentieren das Schreiben des Klubs, die Antwort des Tagesspiegels darauf sowie den ursprünglichen Kommentar im Tagesspiegel.

TSG 1899 Hoffenheim - Borussia Dortmund 4:1
Weg weisend? Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp (rechts) mit Dortmunds Präsident Reinhard Rauball.Foto: dpa

Sehr geehrter Herr Maroldt,

mit Interesse aber auch reichlich Verwunderung haben wir Ihren Kommentar im Tagesspiegel vom 24.09. gelesen und zur Kenntnis genommen. In der Regel belassen wir es dabei und nehmen nicht Kontakt zu den einzelnen Redaktionen und/oder Autoren auf. In Ihrem Fall ist mir und uns allerdings daran gelegen, da Sie - zumindest entsteht der Eindruck - a) ein extrem oberflächliches Bild von 1899 Hoffenheim haben und b) leider mit Unwahrheiten in Bezug auf Dietmar Hopp, Theo Zwanziger und dessen Sohn in einem öffentlichen Medium aufwarten.

Ich möchte auch überhaupt nicht den Eindruck entstehen lassen, dass wir unter Umständen dünnhäutig wären. Es ist auch nicht unser Bestreben, dass die gesamte Republik Hurra ruft, wenn es um 1899 Hoffenheim geht. Eine kritische Berichterstattung ist selbstredend legitim, dafür sorgten in den vergangenen Monaten nahezu alle regionalen und überregionalen Medien und zahlreiche internationale Pressevertreter, die nicht alleine wegen unserer ausländischen Spieler nach Hoffenheim kamen.

Es gehört zur freien Meinungsäußerung und zu ihrem Recht, von einer "...Provokation für die Fans..." zu sprechen, dass wir nun in der 1.Liga spielen. Teilen müssen wir sicherlich diese Einschätzung nicht. Wir runzeln darüber ehrlich gesagt einfach die Stirn. Schwierig wird es nur, wenn Sie den Eindruck erwecken, dass beleidigende Angriffe auf Herrn Hopp nun vom DFB verfolgt werden, rassistische Beleidigungen hingegen nicht. Hier müsste sicherlich der DFB konkret antworten, jedoch ist meines Wissens durchaus so - und das wurde in Medien auch so widergegeben - dass u.a. im Falle Asamoah drastische Geldstrafen verhängt wurden gegen die Vereine.

Ein Punkt in ihrem Beitrag ist jedoch so grotesk, dass es uns einfach ein Anliegen ist, ihn richtig stellen zu müssen. Es geht um die Tätigkeit von Ralf Zwanziger, den Sohn des DFB-Präsidenten Theo Zwanziger. Es ist natürlich richtig, dass Ralf Zwanziger bei 1899 Hoffenheim den Frauen- und Mädchenfußball, übrigens sehr erfolgreich, koordiniert. Es mag für Sie den Anschein einer "Klüngelei" geben, aber: Denken Sie in der Tat, dass die Herren Hopp und Zwanziger es tatsächlich nötig haben, sich auf dieses Niveau zu begeben? Sehr geehrter Herr Maroldt, Herr Zwanziger junior war bereits bei der WM 2006 sehr verantwortungsvoll tätig und sein Ziel, im Fußball-Metier Fuß zu fassen und seine Qualitäten einzubringen hat er in einer eindrucksvollen Bewerbung an 1899 Hoffenheim nach der WM zum Ausdruck gebracht. Herrn Hopp's Wunsch war es frühzeitig, auch Frauen- und Mädchenfußball in Hoffenheim zu fördern und nicht nur den Jungs eine sportliche Perspektive zu geben. Auf dieser Basis bewarb sich Ralf Zwanziger. Nichts anderes entspricht der Wahrheit.

Und scheinbar gibt es noch eine Unwissenheit, die wir hier richtig stellen möchten: Scheinbar ist Ihnen entgangen, dass Herr Hopp bereits seit Jahrzehnten die nahezu jedes Wochenende an den Fußballplätzen steht. Ob das in den unteren Klassen war, in der Oberliga oder in der Regionalliga - Herr Hopp war bei den Auswärts- und Heimspielen stets dabei. Bei Jugendspielen von der A-, B- und C-Jugend ist er genauso vor Ort wie - wenn es die Zeit erlaubt - Spielen der Frauen-Mannschaft. Dazu könnte er mit Ihnen aus reinem Fußballinteresse fachkundig über internationalen Fußball und die Spieler der europäischen Top-Ligen diskutieren. Und: Herr Hopp ist definitiv eine außergewöhnliche Persönlichkeit. Trotzdem finden Sie ihn im Stadion eher an Würstchenbude statt im VIP-Bereich. Sehen will das keiner. Denn angreifbar machen ja nur die Dinge, die man auch sehen will.

Ich bedauere es aus journalistischer Sicht, dass Sie einen Kommentar geschrieben haben, der, mit Verlaub, nicht dem Niveau ihres Blattes entspricht. Vielleicht sollten Sie sich nochmals den Kommentar von Sven Goldmann vom 29.08. in ihrem Tagesspiegel in Erinnerung rufen zum Thema "Die Tradition der Retorte". Herr Goldmann formuliert hier exzellent das Problem, dass viele Fans mit 1899 Hoffenheim haben, einem Verein, der wie der Namen schon sagt, vor der Jahrhundertwende gegründet wurde. Tradition muss nicht nur aus Titeln am Briefkopf ausgemacht werden. Herr Hopp hat das gewusst, als er vor 20 Jahren die Jugendabteilung des Vereins unterstützte.

Ich gehe von Ihrem Verständnis aus, dass zukünftige Anfragen des Tagesspiegel bei uns nicht mehr berücksichtigt werden.

Mit freundlichen Grüßen
Markus Sieger
Pressesprecher
TSG 1899 Hoffenheim Fußball-Spielbetriebs GmbH


Die Antwort des Tagesspiegels

Sehr geehrter Herr Sieger,

Sie haben leider - eigentlich erstaunlich bei Ihrer Position - rein gar nichts verstanden. Oder Sie wollen es nicht verstehen, was die Sache aber kaum besser macht.

Dass Ihr Verein auf viele Fans provokativ wirkt, ist unbestreitbar. Mit meiner Meinung, der Sie überflüssiger Weise generös Freiheit zugestehen, hat das nichts zu tun; ich habe mich dazu überhaupt nicht geäußert. Um das besonders fürsorgliche Verhalten des DFB gegenüber Herrn Hopp im Verhältnis zu allem und allen anderen zu erkennen, und nur darum ging es mir, muss man sich allerdings nicht einmal die Kontaktlinsen putzen, sondern nur den Vereinsschal ganz korrekt um den Hals wickeln, anstatt ihn als Augenbinde zu benutzen.

Dann hätten Sie vielleicht auch bemerkt, dass ich gar nichts Falsches über die Herren Hopp und zweimal Zwanziger behauptet habe; bei bestimmten persönlichen Verwicklungen hält man sich als Würden- und Verantwortungsträger nur besser etwas zurück, anstatt gerade hier mit geliehener Verbandsautorität den Schutzengel Theo zu spielen. Das war übrigens, nur zur Sicherheit festgestellt, eine Meinung.

Zu Recht schreiben Sie von einer weiteren "scheinbaren" Unwissenheit meinerseits, wenngleich Sie vermutlich "anscheinend" meinten; kleiner Schiedunter. Denn tatsächlich habe ich ja überhaupt nicht in Frage gestellt, dass Herr Hopp seit Jahrzehnten in Stadionwürstchen beißt. Warum auch? Ob das guten Geschmack beweist, ist allerdings eine ganz andere Frage.  

Aber eines, das muss ich gestehen, verstehe auch ich nicht: Wenn Sie doch überhaupt nicht den Eindruck entstehen lassen wollen, dass Sie unter Umständen dünnhäutig wären, warum tun Sie es dann? Und wie kommen Sie auf die Idee, dass ich dafür Verständnis hätte? Eine Antwort erwarte ich übrigens nicht. Auch wenn ich Pressesprecher etwas seltsam finden, die keine Anfragen berücksichtigen wollen.

Mit freundlichen Grüßen,
Lorenz Maroldt
Chefredakteur
Der Tagesspiegel


Der ursprüngliche Kommentar im Tagesspiegel

Beleidigt im Stadion

Erste Liga, zwei Klassen

Von Lorenz Maroldt

Ein Milliardär ist zur Zielscheibe geworden, aber das hat nur mittelbar mit der Finanzkrise zu tun. Es geht um Dietmar Hopp, Mitgründer des Softwareunternehmens SAP, Mäzen und Stifter, der als einer der reichsten Deutschen schon mal fünfzig Euro Trinkgeld für die Klofrau an der Autobahnraststätte übrig hat und immer mal wieder ein paar Millionen für seinen Heimatverein. Die Turn- und Sportgemeinschaft Hoffenheim aus dem Rhein-Neckar-Kreis hat es mit viel Geld von Hopp und einigem sportlichen Geschick aus den untersten Spielklassen in die Bundesliga geschafft – eine Provokation für die Fans jener Vereine, die stolz auf ihre ruhmreiche Vergangenheit sein müssen, weil die Gegenwart auf sie eher traurig wirkt. Jedes Tor für Hoffenheim ist ein Treffer gegen die Mythen des Traditionsfußballs, jeder Sieg des geförderten Vereins ein Triumph der Kalkulierbarkeit. Deshalb wird der Milliardär Hopp, der doch meint, so viel Gutes zu tun, in den Stadien geschmäht und beleidigt.

Am vergangenen Sonntag war beim Spiel der Hoffenheimer gegen Dortmund im Gästeblock ein Transparent zu sehen, das den Mäzen hinter einem Fadenkreuz zeigte, dazu der Spruch: „Hasta la vista, Hopp!“. Ein Zitat aus einem Schwarzenegger-Film; Fiktion, wenn auch brutale. Seitdem ist einiges anders. Der DFB nahm sich der Sache an, auf beispiellose Weise. Zum besonderen Schutz von Hopp will der Verband künftig Pöbeleien und Drohungen, die ihn betreffen, unnachgiebig verfolgen und vors Sportgericht bringen. DFB-Präsident Theo Zwanziger sicherte dem Milliardär zu, das Verhalten der Fans ihm gegenüber beobachten zu lassen.

Das ist eine ziemliche Unverschämtheit. Der DFB lässt es seit Jahren zu, dass Spieler, Trainer, Präsidenten, Ordner und Zuschauer trotz aller gut gemeinten Appelle von Anhängern gegnerischer Mannschaften übel beleidigt werden; auch rassistische und homophobe Sprüche sind in jedem Stadion zu hören. Es kann niemand behaupten, dass Dietmar Hopp mehr leiden musste als Oliver Kahn oder Uli Hoeneß. Jeder Torwart nimmt beim Abstoß stoisch die Dreiwortbeleidigung hin, vor der jetzt Hopp exklusiv geschützt werden soll. Auf manchen Stadiontribünen hängen Spielerpuppen an selbst gebastelten Galgen. Und Gerald Asamoah, Deutscher mit dunkler Haut, begleiten Urwaldrufe unter der Aufsicht des DFB durch seine ganze Karriere.

Nein, Theo Zwanziger hat dem Mann hinter der Zielscheibe mit seinem Schutzversprechen keinen Gefallen getan. Es wird den Fans der Hoffenheim-Gegner eine Freude sein, Hopp mit viel Fantasie so korrekt zu beleidigen, dass niemand etwas dagegen unternehmen kann. Dabei verbindet Zwanziger und Hopp auch etwas Privates. Als der Hoffenheim-Mäzen den Fußballpräsidenten fragte, wen er ihm denn als Manager für die neue Frauenabteilung seines Vereins empfehlen könne, riet Theo Zwanziger: Nehmt Ralf Zwanziger, meinen Sohn. Und so kam es. Hoffenheim gehört bei den Zwanzigers also gewissermaßen zur Familie. Da hätte der Präsident über seine Worte besser „In eigener Sache“ geschrieben.

Dietmar Hopp muss sich ebenso wenig wie jeder andere in einem Stadion alles gefallen lassen. Fußballplätze sind keine rechtsfreien Räume. Aber im Stadion stehen Folklore und Verunglimpfung dicht beieinander. Dazwischen drängelt sich oft auch Ironie, etwa wenn Schalker Fans die Schmähungen ihrer Gegner aufnehmen und selber singen: „Wir sind die Ruhrpottkanacken“. Es geht beim Fußball anders zu als beim Federball; Provokationen, Emotionen, Aggressionen gehören dazu, bringen Leben ins Stadion.

So ist es auch in anderen Arenen des Showgeschäfts. Vor kurzem hat ein gescheiterter Kandidat von „Deutschland sucht den Superstar“ das über jeden und alles herziehende Jurymitglied Dieter Bohlen angezeigt, weil er sich beleidigt sah. Die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren ein, mit der Begründung: Bei Beleidigungen seien sämtliche Umstände zu berücksichtigen, so auch die Gebräuche der Beteiligten. Dietmar Hopp hat eine Anzeige gegen den 19-Jährigen angekündigt, der das Fadenkreuz-Transparent gehalten hat. Vielleicht sind ihm die Gebräuche auf den billigen Plätzen fremd. Aber das ist dann sein ganz persönliches Problem.

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