Sport : Real zum Dessert

Barcelona geht als Favorit ins Derby gegen Madrid

Julia Macher
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Blick nach oben. Gegen Barcelona werden sich Reals Metzelder, Dudek und Casillas ganz schön strecken müssen.Foto: AFP

Barcelona - Manchmal lohnt ein Blick ins Archiv. Weil er zeigt, wie absurd Prognosen oft sind: Nachdem Real Madrid mit Bernd Schuster dem FC Barcelona im vorigen Jahr eine schmerzliche 0:1-Heimniederlage zufügte, feierte die Presse seinen Hochgeschwindigkeitsfußball enthusiastisch als Konzept der Zukunft; Klubpräsident Ramón Calderón wollte den Deutschen als „Alex Ferguson von Real Madrid“ am liebsten auf Jahrzehnte verpflichten. 355 Tage später ist Schuster Geschichte, Barcelona führt die Tabelle der spanischen Primera Division mit neun Punkten Vorsprung auf den Dauerrivalen an. Und kaum jemand bezweifelt, dass Schusters Nachfolger Juande Ramos heute Abend seine erste Niederlage einstecken wird, fünf Tage nach Dienstantritt.

Barcelona ist haushoher Favorit. Einen katalanischen Konditor inspirierte der Spitzname der königlichen Anhänger „Merengues“ (Baisers) dazu, sein Schaufenster mit Baisers zu dekorieren und großspurig anzukündigen: „Am Samstag verputzen wir euch.“ Spaniens Ministerpräsident Zapatero tippt auf einen 5:1-Sieg, in den Wettbüros stehen die Quoten 6:1 für die Katalanen, das gab es noch nie. Reals neuer Coach Juande Ramos würde sich vermutlich eher die Zunge abbeißen, als Aussichtslosigkeit einzugestehen – aber etwas leise Ironie ließ er doch aufblitzen: „Für alle Wettbegeisterten ist das eine tolle Chance, Millionär zu werden.“

In Barcelona bemüht sich Trainer Pep Guardiola, die Erwartungen an sein Team zu dämpfen. „Wir spielen gegen den amtierenden Meister. Da gewinnt man nicht 5:0 oder 6:0.“ Tatsächlich hat der Trainerwechsel beim verletzungsgeplagten Konkurrenten Guardiola kurzfristig in Bedrängnis gebracht. Der unermüdliche Taktikplaner ist ein großer Fan der Videoanalyse; doch zu Reals Neuem gab das Archiv nicht viel her. Also schickte der Klub einen Mitarbeiter in einer Notfallmission nach Madrid, um Ramos’ Team bei seinem 3:0 im Champions-League-Debüt gegen St. Petersburg zu filmen, was jedoch an der fehlenden Erlaubnis der Uefa scheiterte. Allzu große Sorgen machen sich Guardiolas Strategen wegen der fehlenden Videodaten dennoch nicht: In drei Tagen könne Juande außer an einzelnen Positionen nicht viel ändern.

Trotzdem hat man in Barcelona die ersten Arbeitstage von Ramos aufmerksam verfolgt. Im Gegensatz zu Schuster ist der ehemalige Coach von Tottenham Hotspur ein großer Freund des Dialogs: Jeden Spieler lud er zum Gespräch, um sich über Laufbahn, Stärken und Schwächen zu informieren. Ein erster Nutznießer davon ist möglicherweise Christoph Metzelder: Der Deutsche soll heute Thierry Henry bewachen. Julia Macher

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