Sport : Realist in irrealer Zeit

Stefan Hermanns

über den heilsamen Einfluss von Trainer Hans Meyer Vermutlich denkt Hans Meyer schon mit Grauen an den kommenden Samstag. Wenn sich das Olympiastadion blau-weiß gekleidet hat, die Stimmung ausgelassen ist und die Fans vor allem einen Mann feiern – Hans Meyer. Ein wenig Koketterie ist auch dabei, wenn Meyer davon spricht, dass der Einfluss eines Trainers maßlos überschätzt werde. Vor allem aber verabscheut der Trainer des Fußball-Bundesligisten Hertha BSC den Personenkult, den er so weder in der DDR noch in Holland kennen gelernt hat. In der langen Geschichte eines Vereins, so sagt Meyer, sei ein Trainer immer nur ein Passant.

Selten hat diese Aussage besser gepasst als auf Meyer und seine Zeit in Berlin. Nur fünf Monate ist er bei Hertha geblieben, und doch hat Meyer in der Vereinsgeschichte eine wichtige Rolle gespielt. Ohne sein Wirken wäre die Aufbauarbeit von sieben Jahren in einer einzigen Saison zerstört worden. Was Meyers Arbeit ausgezeichnet hat, ist ein Realismus, der im überdrehten Berlin und bei Hertha eher selten anzutreffen ist. Am Samstag hat der bekennende Atheist sogar davon gesprochen, dass der liebe Gott dem Münchner Kioyo den Fuß geführt habe, als der kurz vor Schluss einen Elfmeter verschoss. Was Meyer eigentlich sagen wollte: Wir haben verdammt viel Glück gehabt.

Diese Sicht widerspricht geradezu der offiziösen Vereinsmeinung, die besagt, dass Hertha nur durch viel, viel Pech in den Abstiegskampf genötigt wurde. Aus dieser Denkweise folgt fast logisch, dass es in der nächsten Saison auf jeden Fall besser wird. Denn warum sollte das Schicksal Hertha in Serie bestrafen? Und können sich die Berliner nicht auf ein prominentes Vorbild berufen? Leverkusen rettete sich im Vorjahr auch erst spät vor dem Abstieg; in der nächsten Saison aber spielt Bayer vielleicht schon wieder in der Champions League.

Es ist ein Jammer für Hertha, dass der Realist Hans Meyer in der neuen Saison nicht mehr da ist, um den Berlinern solche Gedanken rechtzeitig auszutreiben.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben