Sport : Rechnen bis zur Rückrunde

Dortmunds Trainer Sammer sehnt die Rückkehr der verletzten Spieler herbei – und braucht einen Sieg gegen Hertha BSC

Richard Leipold

Matthias Sammer soll in der Kritik stehen? Aber nicht doch. Borussia Dortmund, die Fußballmannschaft des sächsischen Trainers, ist zwar nur Fünfter in der Bundesliga und nach weniger als der Hälfte dieser Saison frei von nationalen oder internationalen Zusatzaufgaben. Hier und da mögen die Nörgler kleine taktische Fehler diagnostizieren, aber nichts Gravierendes. Bei der Pressekonferenz vor dem Heimspiel an diesem Samstag gegen Hertha BSC hat der Geschäftsführer der kickenden Kommanditgesellschaft auf Aktien, Gerd Niebaum, seinem Trainer dennoch öffentlichen Beistand geleistet. Sozusagen vorsorglich.

So saßen die beiden nebeneinander auf dem Podium und ließen die Fragestunde über sich ergehen. Bei solchen Gelegenheiten ergänzen sie sich gut. Niebaum redet gern, wenn auch manchmal drum herum; Sammer redet ungern. In Jogginghose und Badelatschen steht und sitzt er für das Sportive, Schweißtreibende, Ursprüngliche ihrer gemeinsamen Passion namens Borussia. Der Präsident, in dunkles Tuch gewandet, verkörpert das unternehmerische Handeln eines Kleinkonzerns, der aus einem Arbeiterfußballverein hervorgegangen ist.

Auch wenn sie nicht so aussehen: Die beiden Männer sind ein eingespieltes Team, in dem sich einer auf den anderen verlassen kann, gerade in schwierigen Zeiten wie diesen. Weder der Trainer noch sein präsidialer Patron waren in letzter Zeit erfolgreich. Die Aktie ist am Boden, die Mannschaft acht Punkte vom dritten Tabellenplatz entfernt, den die Geschäftsführung als sportliches Minimum vorgegeben hat. Doch es gibt für alles Erklärungen. Zum Beispiel das Treiben an der Börse, wo die Borussia-Aktie belanglos vor sich hindümpelt. Oder die rätselhafte Serie von Verletzungen, die Sammer stets aufs Neue zwingt, die Mannschaft oder das, was von ihr übrig ist, erst um- und dann aufzubauen. Die Zahl verletzter Profis schwankt seit Wochen zwischen zehn und dreizehn. Matthias Sammer habe „oft vor der Frage gestanden: Welche Spieler setze ich ein?“, sagt Niebaum. Kommen die Spieler zurück (vielleicht sogar der unwillige Stürmer Amoroso aus Brasilien), dann kehrt auch der Erfolg zurück – so einfach ist die Rückrundenrechnung, die in der vergangenen Saison mit weit weniger Verletzten nur gerade eben mit dem dritten Platz aufgegangen ist. Bis zur Winterpause dürfe der Abstand auf den dritten Tabellenplatz sich „auf keinen Fall vergrößern“, fordert Niebaum, „er sollte sich verringern“. Ein Sieg gegen das verunsicherte Team von Hertha BSC ist deshalb für Dortmund Pflicht.

Sammer würzt das Dortmunder Rhetorik-Doppel gern mit sportlichen Kalendersprüchen wie diesem: „Wenn du selbst stark bist, kann der Gegner spielen, wie er will.“ Doch zuweilen ist der Geist der Profis nicht so willig wie der Geist des Trainers. Dann liefert das Team schlechte Spiele ab wie jüngst in Rostock. „Rostock wollte unbedingt, wir haben nur gehofft“, sagt Sammer. Er weiß, woran das liegt. Einzelheiten möchte er nicht verraten. „Alles zu beantworten, das geht nicht. Es würde uns die Stärke nehmen“, sagt Sammer. Das Negative zu betonen, halte er derzeit „nicht für angebracht, das wäre ein falsches Signal für Samstag“. Er könne nur davor warnen, „die Sensibilität für die Situation“ zu verlieren.

Noch Fragen? Ja, eine noch: „Matthias“, meldet sich einer, „am 6. Dezember 1994 hat Borussia gegen La Coruña gewonnen, stimmt dich das zuversichtlich?“ Solche aufmunternden Rückblicke sind selbst Sammer nicht geheuer. „War das jetzt ein aufbauender Hinweis oder eine Frage?“

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