Rechtfertigung : Kuranyi: "Ich bereue nichts"

Mental angeschlagen wirkte Kevin Kuranyi, als er vor den Medien seinen überstürzten Abgang aus der Nationalelf erklären wollte. Er gab Fehler zu, rechtfertigte aber sein Verhalten.

Jörg Strohschein[Gelsenkirchen]
Pressekonferenz Kevin Kuranyi
Ziemlich durcheinander. Kevin Kuranyi versucht, die letzten Tage zu verarbeiten.Foto: ddp

Vor der Schalker Arena hatte sich eine handvoll Fans versammelt und ein Plakat ausgebreitet. „Kevin wir glauben an dich“ war darauf zu lesen. Ob der Angesprochene diese Würdigung beim Vorbeigehen allerdings wahrgenommen hat, bleibt zumindest fraglich. Kevin Kuranyi wirkte gestern, als er vor der Öffentlichkeit seinen ungewöhnlichen Abgang aus der Nationalelf in der Halbzeitpause des Länderspiels gegen Russland erklären wollte, mental angeschlagen. „Ich glaube, ich lebe im Moment in einer anderen Welt“, sagte Kuranyi und sah dabei alles andere als glücklich aus.

Tatsächlich vermittelte der Angreifer den Eindruck, als sei er noch zu intensiv damit beschäftigt, die vergangenen Tage zu verarbeiten. Er habe sich zwar bei Bundestrainer Joachim Löw entschuldigt und „eingesehen, dass es ein Fehler war, einfach aus dem Stadion zu gehen“. Dann wiederum behauptete Kuranyi: „Ich bereue nichts.“

Die gestrige öffentliche Stellungnahme Kuranyis war eine emotionale Berg- und Talfahrt, so wie sie der Angreifer auch bereits in den vergangenen Wochen durchleben musste. „Der Zusammenbruch kam zustande, als mir noch einmal bewusst wurde, was in den letzten drei Jahren mit mir in der Nationalmannschaft passiert ist“, sagte Kuranyi. „Es war keine einzelne kleine Entscheidung des Bundestrainers.“

"Kein Mensch hat das von mir erwartet, ich selber auch nicht"

Vor allem die Nicht-Berücksichtigung für die WM 2006 durch Jürgen Klinsmann scheint Kuranyi immer noch nicht verdaut zu haben. Und auch die insgesamt nur 41 Minuten Einsatzzeit bei der EM in diesem Sommer haben Spuren hinterlassen. Auch die letzten Wochen im Verein seien „sehr schwierig“ gewesen. „So oft wie ich auch hier in Schalke ausgepfiffen worden bin – das wünsche ich keinem anderen Spieler auf der Welt.“ Und so war die Versetzung auf die Tribüne beim jüngsten Länderspiel für Kuranyi wohl der letzte Teil einer ganzen Kette von Demütigungen. „Kein Mensch hat das von mir erwartet, ich selber auch nicht“, sagte Kuranyi, der noch vor der Partie gegen Russland dem Bundestrainer angedeutet hatte, dass er abreisen werde. Zum vereinbarten Gespräch zwischen beiden nach der Partie kam es dann nicht mehr. Und so sei Kuranyi an diesem Samstagabend durchaus bewusst gewesen, dass seine Aktion Konsequenzen haben werde. „Es war aber eine Entscheidung, die ich emotional am besten fand“, sagte Kuranyi. „Denn niemand weiß, was ich fühle.“

Eine Rückkehr ins Nationalteam schließt er nicht aus - Löw schon

Ob es nun ein Rücktritt oder ein Rausschmiss aus der Nationalelf war, wollte ein Fragesteller noch von Kuranyi wissen. „Ein Teil von beidem. Der Trainer hat entschieden, bevor wir miteinander gesprochen haben.“ Eine spätere Rückkehr in die Nationalmannschaft sei aber aus seiner Sicht noch möglich. „Das ist Zukunftsmusik. Aber ausschließen würde ich das nicht.“ Löw allerdings schon. Schalkes Manager Andreas Müller betonte, dass der Klub „voll hinter Kevins Entscheidung steht“. Bei Schalke bekomme er das Vertrauen, das er woanders nicht erhalten habe. „Das ist eine Befreiung für ihn.“

 Bevor Kevin Kuranyi sich nach einer halben Stunde verabschiedete, ließ er noch einen kleinen Blick in sein Innenleben zu. „Ich hoffe, dass es schnell vorbei geht und sich alle wieder beruhigen.“

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