Sport : Reden statt arbeiten

Nach dem 0:1 im Pokal gegen Hannover diskutiert Borussia Dortmund über Trainer Bert van Marwijk

Felix Meininghaus[Dortm]

Trainer Bert van Marwijk hat einiges auszuhalten in diesen für ihn besonders stürmischen Herbsttagen. Seine Mannschaft spielt erschreckend schwach, seine Weiterbeschäftigung bei Borussia Dortmund scheint fraglich, und nun meint es auch das Schicksal nicht gut mit ihm. Das erklärt, warum der sonst so besonnene Holländer nach dem 0:1 (0:0) im Pokal gegen Hannover 96 plötzlich wütend aufs Feld lief. Er stürzte auf Schiedsrichter Felix Brych zu, um ihm lautstark zu verdeutlichen, was er von seiner letzten Entscheidung hielt. In der 90. Minute hatte der Unparteiische erst einen Foulelfmeter an Dede gegeben – und diese Entscheidung nach Befragung seines Assistenten wieder zurückgenommen. „Ich gehe schon ein paar Tage im Fußball“, sagte der 54-Jährige, „aber so etwas habe ich als Spieler und als Trainer noch nicht erlebt.“

Dass das Schiedsrichtergespann mit seiner unkonventionellen Entscheidungsfindung richtig lag, indem es Dedes Schwalbe durchschaute und mit Gelb ahndete, verschwiegen van Marwijk und der Rest des kriselnden Dortmunder Ensembles. Schließlich eröffnete dies die Möglichkeit, von den wahren Problemen abzulenken.

Zu Beginn der zweiten Halbzeit lag Brych ebenso richtig, als er Dortmunds Torhüter Roman Weidenfeller mit Rot vom Feld schickte. Dieser hatte außerhalb seines Strafraums mit der linken Hand den Ball aufgehalten. Der Platzverweis gab einer bis dahin faden Partie eine ungeahnte Wendung. Fortan entschlossen sich die lethargischen Fans zum Schulterschluss mit ihrer Mannschaft. Was durchaus bemerkenswert ist.

Am Freitag zuvor hatten sie ihre Lieblinge beim peinlichen Auftritt gegen Bochum gnadenlos ausgepfiffen. Dass sich die Profis erst nach der Roten Karte ihrer kämpferischen Tugenden besannen, ist für Sportdirektor Michael Zorc symptomatisch: „Das zeigt, wie verunsichert die Mannschaft ist.“ Tatsächlich waren die spielerischen Defizite erneut offensichtlich. Nur noch 29 000 Zuschauer wollten sich diese ansehen. Für Dortmunder Verhältnisse bedeutet diese Zuschauerzahl fast: unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Guido Schnittker, stellvertretender Abteilungsleiter der Fanabteilung von Borussia Dortmund, erklärt: „Das Dortmunder Publikum ist zwar leidensfähig, aber irgendwann platzt auch uns mal der Kragen.“ Gegen Hannover mussten die Gebeutelten durch Vahid Hashemians Tor in der 85. Minute einen weiteren Rückschlag erleben. Es war Dortmunds viertes Pokal-Aus im vierten Aufeinandertreffen mit Hannover 96.

Nun steht Bert van Marwijk weiter in der Diskussion. Der knorrige Holländer galt noch zu Beginn dieser Saison als unantastbare Größe. Schließlich war er es, der Borussia Dortmund in Zeiten des wirtschaftlichen Überlebenskampfs sportlich auf Kurs gehalten hatte. Doch seit der Verein finanziell das Gröbste überstanden hat und sich wieder mehr auf die sportlichen Ambitionen fokussiert, hat van Marwijks Reputation gelitten.

Die Unruhe wird geschürt, weil in Dortmund derzeit mehr übereinander geredet als miteinander gearbeitet wird. Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke hat schon eine „schlechte Außendarstellung“ ausgemacht. Nach dem Spiel gegen Hannover waren die Entscheidungsträger bemüht, Geschlossenheit zu demonstrieren. So betonte Präsident Reinhard Rauball, die Debatten um van Marwijk fänden „mehr außerhalb als innerhalb statt“. Watzke ergänzt: „Das glaubt mir zwar keiner, aber es gibt keine aktuelle Trainerdiskussion.“ Allerdings mit dem Zusatz: „Der Druck wird nicht kleiner, wenn du zu Hause nicht gegen den 18. der Bundesliga gewinnst und dann in der zweiten Pokalrunde ausscheidest.“

Van Marwijk wiederholte seine nach dem Bochum-Spiel getätigte Aussage: „Ich werde hier weiter meine Arbeit machen, aber wenn das nicht reicht, gehe ich nach Hause.“ Ob es reicht, werden die kommenden Wochen zeigen.

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