Sport : Reden statt spielen

England diskutiert über Rooney und Hargreaves

Raphael Honigstein[Nürnberg]

In den vergangen fünf Jahren hat man Sven-Göran Eriksson oft vorgeworfen, an allen Problemen vorbei und immer den Weg des geringsten Widerstands zu gehen. Damit ist es nun wirklich vorbei. England reibt sich überrascht die Augen: der Schwede scheint in Deutschland jeden Tag ein Stückchen härter und skrupelloser zu werden. In der Affäre Wayne Rooney hat sich der Trainer des englischen Teams bereits mit Manchester United, dem immer noch mächtigsten Verein Englands, und dessen Trainer Alex Ferguson zerstritten; am Nachmittag vor der Partie gegen Trinidad und Tobago (heute 18 Uhr) signalisierte er, dass er sich auch den Wünschen des englischen Verbandes nicht zu beugen gedenke. „Wayne Rooney ist spielbereit“, sagte Eriksson trotzig, einen Einsatz des 20 Jahre alten Stürmers als Einwechselspieler wollte er nicht ausschließen. „Ich muss noch einmal darüber schlafen.“ Brian Barwick, der Chef der Football Association, hatte Dienstagabend versucht, Eriksson einen Einsatz des Angreifers auszureden. Zum echten Streit kam es entgegen einigen Medienberichten dabei nicht. Barwick ist keiner, der mit der Faust auf den Tisch schlägt. Aber der Verband hat große Sorge, dass Rooney im Spiel gegen die harten, laufstarken Soca Warriors etwas zustoßen könnte – United würde in diesem Fall wohl eine Millionenklage anstrengen.

Unklar war gestern Abend, ob die unabhängigen Sachverständigen Angus Wallace und Chris Moran, die Eriksson zur Beschwichtigung von United ins Teamhotel eingeladen hatte, die Einschätzung des Schweden teilten. Ursprünglich wurde gemeldet, die Orthopäden würden erst am Freitag eintreffen, sie befinden sich dem Vernehmen nach jedoch schon seit gestern in Deutschland. Fazit des Hickhacks: Rooney könnte heute Abend maximal ein paar Minuten Spielpraxis sammeln, wahrscheinlicher aber ist sein WM-Debüt im dritten Match gegen Schweden in fünf Tagen. „Ob mit oder ohne Wayne, wir sind bereit", sagte David Beckham.

Von Anfang an spielen dürfte im Frankenstadion allerdings Owen Hargreaves, und zwar als rechter Verteidiger für den an der Wade verletzten Gary Neville. Hargreaves, der aus Kanada stammt und beim FC Bayern spielt, war nach seiner Einwechslung gegen Paraguay (1:0) in Frankfurt von den englischen Fans ausgebuht worden. Nicht, weil er schlecht war, sondern weil sich in England grundsätzlich immer noch nicht herumgesprochen hat, dass er ein begabter Mittelfeldspieler ist und ihn viele immer noch als Fremden ansehen. Beckham fühlte sich gezwungen, für den Münchner öffentlich Partei zu ergreifen. „Es war traurig, am Samstag die Buhrufe zu hören“, sagte der Kapitän. „Die Spieler schauten sich gegenseitig an und waren angewidert. Er spielt für sein Land und tut, was er kann.“ Hargreaves hat die Stimmungsmache gegen ihn registriert, will sich aber dadurch nicht verunsichern lassen. „Das Problem ist, dass die englische Öffentlichkeit mich nicht kennt“, diktierte er den englischen Reportern selbstbewusst in die Notizblöcke, „sie sehen mich nicht jede Woche spielen. Ich kann damit umgehen. Ich glaube an mich, der Trainer und seine Leute zählen auf mich. Das ist das Wichtigste.“

Auch um den anderen Owen gab es gestern noch Diskussionen. Michael Owen hatte sich über seine frühe Auswechslung im Spiel gegen Paraguay beschwert, nun soll sich der Stürmer mit Trainer Eriksson wieder versöhnt haben und abermals neben Peter Crouch stürmen. Die Gefahr eines Ein-Mann-Aufstands ist also zunächst gebannt, und außerdem ist damit auch klar, dass Eriksson an seinem 4-4-2-System nebst Personal aus dem ersten Spiel festhalten wird.

David Beckham versprach immerhin eine deutlich bessere Leistung als gegen Paraguay. „Wir wollen die Leute mitreißen und beweisen, dass wir auf dem Niveau von Holland, Italien oder Argentinien spielen können“, sagte er, unterschätzen wolle man dabei den Gegner jedoch auf keinen Fall. „Wir müssen gegen Trinidad & Tobago so spielen, als ob sie das stärkste Team der WM wären.“

Seine Wadenverletzung überwunden hat übrigens Theo Walcott. Der 17 Jahre alte Stürmer könnte eingewechselt und zum jüngsten WM-Spieler Englands werden.

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