Sport : Reduzierter Regisseur

Hertha BSC wünscht sich eine neue Rolle für Marcelinho – doch dem fällt es schwer, Verantwortung abzugeben

Michael Rosentritt

Berlin - Eigentlich ist das eine alte Geschichte. Es ist die Geschichte von der Abhängigkeit eines Fußballvereins von einem Spieler. Bisher ging die Geschichte so: Spielt Marcelinho gut, spielt auch Hertha BSC gut – und umgekehrt. Und da Marcelinho meist gut spielte, war diese Geschichte auch für Hertha eine gute. In dieser Saison aber ist es mehrheitlich anders. Marcelinho spielt nicht gut. Aber ist deswegen die Geschichte nicht mehr richtig? Nach dem 1:0 im Uefa-Cupspiel auf Zypern vor drei Tagen hatte Herthas Trainer Falko Götz behauptet: „Wir wissen alle, dass Marcelinho mehr kann. Trotzdem haben wir gewonnen. Daran sieht man, dass die Mannschaft nicht mehr so abhängig von ihm ist.“

Fest steht: Marcelinho kann mehr, viel mehr – vielleicht sogar zu viel mehr. Es gibt keinen zweiten Verein, der so sehr auf einen Spieler angewiesen ist; nicht der FC Bayern auf seinen Kapitän Michael Ballack, auch nicht Herthas heutiger Gegner Schalke 04 auf Lincoln.

In der vergangenen Saison hat Marcelinho 18 Tore selbst erzielt und noch einmal 14 vorbereitet. So etwas ist einmalig und deshalb für einen Verein durchaus gefährlich. Marcelinho hat aus einem guten Mittelfeld das torgefährlichste der Liga gemacht, er hat aus einer ganz ordentlichen Mannschaft eine gemacht, der im letzten Spiel der vergangenen Saison nur ein Tor zur Champions League gefehlt hat. Ohne Marcelinho wäre Hertha vermutlich irgendwo zwischen Hannover und Bielefeld gelandet.

Und genau darum geht es jetzt: Wie viel Unabhängigkeit von Marcelinho kann sich Hertha leisten? Wie viel Emanzipation tut den Berlinern gut? Als Hertha vor wenigen Wochen in der ersten Pokalrunde beim Drittligisten TuS Koblenz zu straucheln drohte, kam beim Stand von 2:2 nach 90 Minuten der ranghöchste Vereinsvertreter höchstpersönlich aufs Spielfeld gestürmt. Mit rotem Kopf verpasste Dieter Hoeneß dem Spielmacher Marcelinho eine Standpauke. Hoeneß hätte jedem Spieler seiner Mannschaft das Gleiche vorwerfen können. Er tat es nicht. Schließlich war es Marcelinho, der in der Nachspielzeit den Siegtreffer erzielte.

Marcelinho ist schwer in die Saison gestartet. Die Szene aus Koblenz hat beim sensiblen Südamerikaner Spuren hinterlassen. Der 30-Jährige fühlt sich ungerecht behandelt. „Nicht nur ich allein stehe auf dem Platz, sondern eine ganze Mannschaft“, hatte Marcelinho gesagt. Selbstkritisch sagte er vor der Abreise nach Gelsenkirchen: „Ich habe noch keinen Rhythmus gefunden.“

Aber warum nicht? „Er weiß selbst, dass er nicht so in die Saison gekommen ist“, sagt Hoeneß. Der Manager gibt zu bedenken, dass Marcelinho in seinem Umfeld einige heikle Angelegenheiten zu regeln gehabt habe. Aber gerade darin sollte der Brasilianer eine gewisse Übung haben. Konfliktfrei verlief das außerfußballerische Leben des Brasilianers in seinen Berliner Jahren selten. Der wahre Grund liegt auf dem Platz. Manager und Trainer versuchen gezielt, die Abhängigkeit der Mannschaft von Marcelinho zu minimieren. Hoeneß und Götz würden Marcelinho gern in einer neuen Rolle sehen, jedenfalls nicht mehr in der des Alleinunterhalters. In Marko Pantelic wurde ein Stürmer verpflichtet, der künftig für das Toreschießen zuständig sein soll. Und nachdem Yildiray Bastürk in Nikosia den entscheidenden Elfmeter herausgeholt hatte, wurde der türkische Mittelfeldspieler besonders gelobt. Das hat System.

Manager und Trainer wissen, dass Hertha einen starken Marcelinho braucht. „Ich kann ihm nur Sicherheit geben, wir reden viel miteinander“, sagt Götz. Marcelinho hat in der Vergangenheit die Verantwortung getragen, jetzt soll etwas davon abgeben. Aber wie? „Es stehen Spieler an seiner Seite, die ihm sein Spiel vereinfachen helfen“, sagt Götz. Das aber lässt sich schwer umsetzen. Marcelinho kann seine neue Rolle in dem Maße annehmen, wie es der Mannschaft gelingt, diese mit Leistung zu tragen. In Nikosia hat Bastürk den Elfmeter herausgeholt, verwandeln aber musste ihn Marcelinho.

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