Reform der Spitzensportförderung : Die neue Drei-Cluster-Gesellschaft

Das Innenministerium will Sportarten künftig vor allem nach Erfolgsaussichten fördern – das könnte das Aus für manche Disziplinen bedeuten.

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Hohes Bein, geringe Chancen. Die deutschen Synchron-Schwimmerinnen haben keine realistischen Medaillenaussichten bei Olympia. Das könnte ihnen die Förderung kosten.
Hohes Bein, geringe Chancen. Die deutschen Synchron-Schwimmerinnen haben keine realistischen Medaillenaussichten bei Olympia. Das...Foto: dpa

Eines steht für Thomas de Maizière fest: Der olympische Spitzensport in Deutschland hat einiges aufzuholen. Das hat der für den Sport zuständige Bundesinnenminister zuletzt immer wieder hervorgehoben. Deshalb betont er auch stets die Wichtigkeit einer Reform der Spitzensportförderung, deren Eckpunkte er am Mittwoch im Sportausschuss des Bundestages vorstellte – gemeinsam mit dem Präsidenten des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), Alfons Hörmann. „Wir brauchen die Reform nicht nur, um uns nach oben zu orientieren, sondern auch um nicht weiter nach unten abzurutschen“, sagt de Maizière.

Die größten Schwächen der bisherigen Förderung sieht der Innenminister in drei Bereichen: vergangene Erfolge spielen eine zu große Rolle, auch die Zahl der Wettbewerbe sowie der teilnehmenden Athleten werden zu stark berücksichtigt. Außerdem ist die Förderung zu wenig auf den Erfolg der einzelnen Disziplinen ausgerichtet.

Das soll nun alles besser werden. Seit Anfang 2015 arbeiteten acht Arbeitsgruppen, denen Vertreter der Sportorganisationen sowie des Innenministeriums angehörten, an einer neuen Förderstruktur. Das Hauptziel der Reform ist: Die Athleten und Trainer sollen mehr in den Fokus rücken. Und die Grundzüge, wie dies erreicht werden soll, stehen nun fest. Neu sind dabei besonders zwei wichtige Gremien, die über die rund 160 Millionen Euro entscheiden sollen, mit denen das Innenministerium den Spitzensport unterstützt. Das erste Gremium ist die sogenannte Potas-Kommission, die sich mit den Potenzialen der Sportarten befassen soll.

Sportarten sollen in drei Förderstufen eingeteilt werden

In diesem kleinen Gremium – angedacht sind fünf bis acht Mitglieder – soll zukünftig abgewogen werden, welche Sportarten und welche Disziplinen wie gefördert werden. Die Potas-Experten sollen anhand zahlreicher Attribute, etwa der Nachwuchssituation oder des Rahmentrainingsplans, und mit Hilfe eines Berechnungsmodells die Sportarten und Disziplinen in drei Förderstufen einteilen. Die drei Stufen, die laut Entwurf als Cluster bezeichnet werden, gliedern sich in das Exzellenzcluster, das Potenzialcluster und das Cluster mit wenig oder ohne Potenzial. Erreicht eine Sportart das Exzellenzcluster, werden die Förderwünsche zu 100 Prozent erfüllt. In dem zweiten Bereich gibt es Abstufungen der Förderung und im dritten Cluster gar nichts.

Die zweite Neuerung: Nach der Potas-Kommission wird in Strukturgesprächen zwischen Vertretern des Innenministeriums, des DOSB, der Verbände und der Bundesländer über deren Empfehlungen entschieden. Dort soll für einen Olympiazyklus von vier Jahren nur ein Förderbescheid festgelegt werden, in dem alle Geldmittel berücksichtigt werden. Bisher konnten Sportverbände mehrere Förderbescheide beantragen, also etwa für Weltmeisterschaften. Nun sollen die Verbände dazu angehalten werden, die Gesamtplanung im Blick zu behalten.

Mit der Aufteilung in drei Stufen geht das Innenministerium einen gewagten Schritt. Es verabschiedet sich vom absoluten Vielfalts- und Gießkannenprinzip. Sportarten, die keine Medaillenchancen haben und kaum konkurrenzfähige Talente, werden folglich komplett herausfallen. Als ein Beispiel wird da das Synchronschwimmen genannt. Weil die Erfolgsaussichten gen Null tendieren, werden die Fördermittel des Bundes wohl gestrichen. Die jeweiligen Verbände müssen sich dann überlegen, wie sie diese Sportarten noch weiter unterstützen.

Auch die Zahl der Bundesstützpunkte soll verringert werden

„Das erzeugt natürlich Druck“, sagt Henning Lambertz, Chef-Bundestrainer der Schwimmer. „Wer nicht die ersten beiden Cluster erreicht, bekommt Probleme. Das ist hart, aber verständlich.“ Dennoch merkt Lambertz an: „Wir dürfen aber nicht alles den Erfolgspotenzialen unterordnen, sonst sind wir zu weit weg von den menschlichen Faktoren.“

Aus dem Innenministerium heißt es dazu, man wolle nicht weniger Sportarten und Disziplinen fördern, sondern gezielter. So stellt de Maizière auch eine Erhöhung der gesamten Fördergelder von bisher 160 Millionen Euro in Aussicht, etwa wenn mehr Sportarten das Exzellenzcluster erreichen sollten.

Durch die neuen Gremien, besonders die Potas-Kommission, verschiebt sich die Entscheidungsmacht bezüglich der Fördergelder nun vom DOSB zum Innenministerium, das zuvor die Mittel eigentlich nur abgenickt hatte. Darüber war man beim DOSB natürlich nicht begeistert. Allerdings sind sich auch die Vertreter der Sportverbände bewusst, dass sie nicht am längeren Hebel sitzen. „Wer das Geld gibt, bestimmt eben die Regeln“, sagt Lambertz.

Zu allem wollen die Verbände aber nicht nur brav ja sagen. Clemens Prokop, Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbands, fürchtet ebenfalls zu viel Bürokratie. „Man wird bei den Clustern erschlagen von organisatorischen Regelungen. Dabei dürfen auch gesellschaftspolitische Faktoren nicht zu kurz kommen.“ Auch für Prokop stellt sich die große Frage: „Wie sollen die Disziplinen, die aus der Förderung herausgefallen sind, dann wieder mal den Anschluss schaffen?“ Für ihn werden bei der Potenzialanalyse die unvermeidlichen Schwankungen im Sport unterschätzt.

Außerdem kritisiert Prokop, dass den Verbänden eine hauptamtliche Führungsstruktur vorgegeben wird und so das Ehrenamt herausgedrängt werde. „Das ist ein unzulässiger Eingriff in die Verbandsentscheidungen“, sagt er. Überhaupt hätte sich Prokop bei der Ausarbeitung der Reform mehr Informationen und mehr Einbindung der Verbände gewünscht. Denn die neuen Gremien und Cluster sind nicht die einzigen geplanten Änderungen.

Weitere Punkte betreffen die Olympia- und Bundesstützpunkte. So soll die Anzahl der Stützpunkte um 20 Prozent verringert werden. Bei den Olympiastützpunkten von 19 auf 13, bei den Bundesstützpunkten von 204 auf etwa 165. „Es wird bei einigen Verbänden zu Veränderungen und damit zu Auseinandersetzungen kommen“, prognostiziert Staatssekretär Ole Schröder. Idealerweise soll die Reform Anfang 2017 starten. Bis dahin wird es aber noch viele Diskussionen geben.

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