Reformprozess : Jurist greift Fifa an

Mit krassen Vorwürfen hat der Governance-Beauftragte Mark Pieth den Reformprozess beim Fußball-Weltverband Fifa infrage gestellt. Sexismus und Nähe zu Diktatoren lauten die schweren Anschuldigungen des Schweizers gegen führende Fußball-Kräfte.

Mit einem verbalen Rundumschlag hat der Schweizer Top-Jurist und Beauftragte für den FIFA-Reformprozess Mark Pieth dem Fußball-Weltverband ein vernichtendes Zeugnis ausgestellt und dessen Spitzenkräften die politische Integritiät abgesprochen. „Wenn Sie die Leute im FIFA-Vorstand anschauen, waren viele verbandelt mit ehemaligen Diktatoren“, sagte Pieth in einem Interview der „Süddeutschen Zeitung“ (Mittwoch). Diese Verbindungen hätten die Personalwahl für den laufenden Reformprozess des skandalumwitterten Weltverbandes behindert, meinte Pieth, der bei der FIFA als Leiter der Governance-Kommission noch ein Mandat bis Ende Mai hat.

Konkret habe der argentinische FIFA-Vizepräsident Julio Grondona eine Berufung von Pieth-Favorit Luis Moreno Ocampo zum Chefermittler der neuen FIFA-Ethikkommission im Weg gestanden. Ocampo hatte vor seiner Aktivität am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag unter anderem Ex-Diktatoren in Argentinien vor Gericht gebracht.

„Wenn Sie Grondona nehmen, oder (FIFA-Vorstand) Nicolas Léoz aus Paraguay, und dazu die Vergangenheit der Region mit den Diktatoren Strössner und Banzer, können Sie sich den Rest zusammenreimen. Mehr will ich gar nicht sagen, sonst kriege ich ein Problem“, sagte Pieth.

Sein zweiter Personalvorschlag, die Schottin Sue Akers von Scotland Yard, sei wegen sexistischer Motive der FIFA-Funktionäre abgelehnt worden. Da hätten die „älteren Herren in der Fifa“ gesagt: „Bei einer Frau sollen wir beichten, dass wir etwas Böses getan haben? Nein! Da verlangt ihr zu viel!“, berichtete Pieth. Stattdessen bekam der von Pieth - dem Vorsitzenden der Kommission für Good Governance - nicht vorgeschlagene Amerikaner Michael Garcia den Job. Die FIFA war für eine Stellungnahme zu den Vorwürfen zunächst nicht zu erreichen.

Auch die Europäische Fußball-Union und der Deutsche Fußball-Bund wurden von Pieth für ihre Rolle im Reformprozess kritisiert. Die UEFA hatte kürzlich die Vorschläge zu einer Amtszeitbeschränkung und Leumunds-Prüfung für FIFA-Funktionäre nicht komplett mitgetragen.

„Die denken nur an ihre eigene Macht, die denken nicht über ihre eigene Nasenspitze hinaus“, kritisierte Pieth. Der Nachrichtenagentur AP sagte der Schweizer: „Ich bin enttäuscht von dem, was die UEFA hervorgebracht hat - mit der Hilfe der Briten und Deutschen.“ Die englische FA und der DFB gelten eigentlich als Motoren für einen Demokratisierungsprozess.

FIFA-Präsident Joseph Blatter will beim FIFA-Kongress am 31. Mai über das umfassende Reformpaket für mehr demokratische Strukturen im Weltverband abstimmen lassen, für das derzeit auch der ehemalige DFB-Präsident Theo Zwanziger als FIFA-Exekutivmitglied bei internationalen Fußball-Funktionären wirbt. Laut Pieth ist diese Initiative durch internen Widerstand infrage gestellt. Es bestehe die Gefahr, „dass die FIFA noch einmal zehn Jahre verliert.“ (dpa)

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben