Sport : Regelverstöße, die keinen interessieren

Mussten Sie laut lachen[als Sie von Bayern M&uuml]

Christoph Schickhardt (46) ist einer der bekanntesten deutschen Anwälte für Sportrecht. Der Jurist aus Ludwigsburg berät diverse Fußball-Bundesligisten und -Profis.

Mussten Sie laut lachen, als Sie von Bayern Münchens Manager Uli Hoeneß hörten, die Bayern hätten kein Handgeld für Sebastian Deisler bezahlt? Die 20 Millionen Mark, die auf Deislers Konto gelandet waren, sind angeblich nur eine Art Darlehen.

Ich kenne den Vertrag nicht, und ich weiß auch nicht, was die beteiligten Parteien vereinbart haben.

Klar ist jedenfalls, dass weit vor dem Ende von Deislers Vertrag bei Hertha BSC 20 Millionen Mark geflossen sind. Offiziell als eine Art Darlehen, in Wirklichkeit wohl eher als Handgeld.

Na ja, das Wort Handgeld wird ja immer wieder populistisch verwendet. Unter Handgeld im Fußball verstand man früher: Geld bar auf die Hand. Das haben die Spieler bei Vertragsabschluss erhalten, das ist aber schon Jahre her.

Deisler hat das Geld aber weit vor Vertragsabschluss erhalten. Und sollte er zu den Bayern wechseln, dann zahlt er die 20 Millionen Mark ja nie zurück. Deshalb ist das Geld doch eine Art vorgezogene Gehaltszahlung.

Es ist absolut üblich und in keiner Weise zu beanstanden, dass im Zusammenhang mit einem Vertragsschluss eine einmalige Zahlung erfolgt. Das ist im normalen Wirtschaftsleben nicht selten und im Fußball schon gar nicht.

Mag ja sein, der Witz bei der Sache ist aber, dass ein Vertragsschluss zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht erlaubt ist. Die Statuten des Weltfußball-Verbands und des Deutschen Fußball-Bundes verbieten so etwas.

Die Vorschrift gibt es doch schon seit ewigen Zeiten, aber in Deutschland, beim DFB, beachtet sie eigentlich niemand. Nur international ist es gefährlich, sie zu ignorieren. In Deutschland ist das etwas anderes. Erstens werden diese Verstöße dem Kontrollausschuss des DFB in der Regel gar nicht gemeldet. Und wenn sie doch mal mitgeteilt werden, verfolgt sie der Kontrollausschuss des DFB nicht. Der Verstoß wird seit 20 Jahren nicht bestraft.

Also haben die Bayern doch gegen die Statuten verstoßen?

Es scheint so, als ob ein formaler Verstoß vorliegt. Aber die ganze Bundesliga ist sich darüber einig, dass kein Mensch diese Vorschrift einhält und dass sie nicht beachtet wird. Und, was noch wichtiger ist: Verstöße werden ja gar nicht verfolgt. Das bedeutet doch, dass der Kontrollausschuss diese Praxis akzeptiert. International ist das allerdings anders. Da können Verstöße gefährlich werden. Wir können deshalb international nicht sagen, wir beachten das Statut nicht.

Haben Sie eine Ahnung, weshalb der DFB so großzügig Verstöße gegen seine eigenen Statuten ignoriert?

Die Vorschrift wird halt nicht ernst genommen. Wenn sie einer beachten würde, wäre er am Ende der Dumme. Dann hätte er bald keinen Spieler mehr. Jeder Verantwortliche, der die Vorschrift ignoriert, handelt völlig richtig im Interesse seines Vereins.

Uli Hoeneß hat also alles richtig gemacht?

Wenn der FC Bayern nicht gehandelt hätte - auch wenn ich nun die Einzelheiten nicht kenne -, hätte ein anderer Klub reagiert. Und dann wäre Deisler in Kürze in Rom oder in Manchester. Der Hoeneß ist ja clever. Deisler erhält nicht 20 Millionen Mark ohne eine rechtliche Bindung an die Bayern. Die Summe bekommt er ja nicht als Grüß Gott vor dem Beginn von Verhandlungen.

Kommen Sie als Rechtsanwalt da nicht in zumindest ethische Konflikte? Einerseits müssen Sie einem Verein raten, er solle gegen Vorschriften verstoßen. Andererseits müssten Sie auf die strikte Einhaltung von Recht und Ordnung plädieren.

Ich bin ja nicht der Papst. Ich bin auch nicht päpstlicher als der Papst. Wenn mich ein Verein fragt, ob er diese spezielle Klausel ignorieren soll, rate ich ihm natürlich dazu. Das gilt aber nur für die nationale Ebene.

Dann wäre es doch an der Zeit, dass die Fifa diese Doppelmoral beendet und die Statuten abschafft?

Eindeutig ja.

Kennen Sie Vereine, die dumm da standen, weil sie sich an die Statuten hielten?

Ich kenne sehr viele. Auch Aufsteiger, die sich korrekt verhielten, standen am Ende häufig blöd da. Da war ein Gegner dann einfach schneller und hat einen begehrten Spieler weggeschnappt. Aber arbeitsrechtlich ist diese Vorschrift sowieso nichts wert. Wenn Deisler vor drei Jahren einen Vertrag mit den Bayern geschlossen hätte, wäre der arbeitsrechtlich hundertprozentig korrekt gewesen.

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