Sport : Reggae-Mix nach dem 2:19

Die Deutschen deklassieren bei der Hallenhockey-WM in Leipzig ihre Gegner und versuchen, gute Gastgeber zu sein

Daniel Pontzen

Leipzig. Es gibt ja schließlich auch andere angenehme Dinge neben Hallenhockey, die es in der Karibik zu erleben gibt. Die deutschen Nationalspielerinnen jedenfalls hatten Verständnis für die Unzulänglichkeiten im Spiel ihrer Gegnerinnen aus Trinidad und Tobago. Weil die Anzeigetafel schon den deprimierenden Zwischenstand von 0:17 aus Sicht der Gäste auswies, nahmen die Deutschen ihre Torhüterin vom Feld, und wenig später passierte es, das eine der durchtrainierteren unter den teils recht üppigen Gästespielerinnen ein Tor schoss; ein zweites folgte. Nach dem Spiel, das 2:19 endete, feierten die Exotinnen, als hätten sie soeben den Titel dieser 1. Hallenhockey-Weltmeisterschaft gewonnen. Sie hatten eigens ihre CD beim Hallen-DJ abgegeben, und als der fröhlicher Reggae-Mix durch die Boxen dröhnte, gab es ein Gefühl der allgemeinen Zufriedenheit in der Arena Leipzig.

Wie es die Damen-Nationalmannschaft gegen Trinidad und Tobago tat, mühen sich die Deutschen in diesen Tagen, die Gäste aus aller Welt bei Laune zu halten. Rein sportlich sind die Teams aus Ozeanien und Panamerika, aber auch die aus Europa, keine echte Konkurrenz. Die deutschen Mannschaften, Damen wie Herren, stehen im Halbfinale, sie werden am Sonntag auch Weltmeister werden, daran zweifelt niemand ernsthaft.

17:0, 16:0, 19:2 – das waren übliche Ergebnisse bei Spielen der deutschen Mannschaften an den ersten drei Turniertagen. 59:13 lautete die Torbilanz der Herren, gar 72:9 die der Damen nach fünf Partien. 110 Hallenländerspiele haben die Herren des Deutschen Hockey-Bundes (DHB) bestritten, keines ging verloren. Elfmal gab es bislang eine Hallen-EM, elfmal gewann Deutschland. Die Bilanz der Damen, die wie die Männer im Halbfinale auf Frankreich treffen, ist ähnlich jungfräulich, einziger Kratzer ist eine Niederlage im EM-Finale 1996 gegen England. „Die Deutschen sind meilenweit vom Rest der Teams entfernt“, sagt Bart van Lith, Trainer der niederländischen Herren. Dann korrigiert er sich. „Nein, die Deutschen spielen auf einem anderen Planeten.“

Kampf um Platz zwei

Angesichts solcher Dominanz erfordert es einige Anstrengungen, den sportlichen Voraussetzungen größeren Wert abzugewinnen. Die auswärtigen Teilnehmer könnten es leicht als entmutigend empfinden, nur für den Kampf um Platz zwei nach Leipzig eingeladen worden zu sein. Aber das tun sie nicht. „Wenn es ein Land gibt, das mit Abstand am besten geeignet ist für die Austragung, dann ist es Deutschland“, sagt van Lith. „Die Deutschen sind beispielhaft, in sportlicher Hinsicht, aber auch organisatorisch.“ Diese Meinung ist stellvertretend für den Großteil der anderen Teilnehmer. Beinahe jeder lobt das Turnier.

Man könnte leicht den Eindruck gewinnen, die Deutschen hätten sich aufgedrängt. Als hätten sie an irgendwelchen Verbandstischen gesessen und gesagt: „Hej, wir sind überragend, lasst uns eine WM ausrichten, wir gewinnen ja sowieso.“ War nicht so, sagt Ingeborg Grüner, die österreichische Turnierdirektorin. Sie war es, die innerhalb des Hockeyweltverbandes (FIH) die Idee einer ersten Hallenhockey-EM ausbrütete. „Die Deutschen wollten anfangs nicht mal teilnehmen“, sagt Grüner. Erst nach einem Wechsel in der DHB-Spitze kam es zum Sinneswandel, und erst in letzter Sekunde bewarb sich Deutschland um die Austragung.

Nur um die Stimmung haben sich die Veranstalter ein bisschen Sorgen gemacht – es geht ja um einiges, das Turnier soll Reklame sein für die Feld-WM 2006 in Mönchengladbach, sie soll für die Stadt werben und deren Eignung in Sachen Sport. 2012 will Leipzig Olympiastadt sein. Immerhin nahmen täglich rund 1500 Zuschauer teil an dem Spektakel. Das sind zwar weniger als die, die sich schon jetzt Karten für das Konzert der Kastelruther Spatzen nächste Woche an gleicher Stelle besorgt haben. Aber sie machen ordentlich Krach. „Die Fans sind einzigartig“, sagt die deutsche Torhüterin Yvonne Frank, „damit kann man arbeiten.“ Toll vor allem, dass die Fan-Gemeinde von Litauen genauso laut ist wie die von Deutschland oder Mexiko. Ein bisschen zurechtfrisiert ist das zwar, aber die Veranstalter wollten nichts dem Zufall überlassen. Sie haben Freikarten an Leipziger Schulen verteilt mit der Auflage, dass jede Gruppe ein Land vertritt.

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