Rehabilitation : Operation Lebensfreude

Ein unbedachter Moment, ein Missgeschick im täglichen Stress - schon ändert sich alles. Die Kliniken der Berufsgenossenschaften verhelfen Patienten zu neuem Mut und begleiten sie in ein neues Leben.

Patricia Hecht

Gerd Schönfelder hatte es eilig. Er war auf dem Heimweg, rannte zum Bahnhof und sah den Zug schon anfahren. "Ich wollte mich noch reinquetschen", sagt Schönfelder, aber er blieb in der Tür stecken. Sein rechter Arm wurde aus dem Gelenk gerissen, die linke Hand schwer verletzt. Zwanzig Jahre später ist Schönfelder, 38, einer der erfolgreichsten deutschen Skifahrer im Behindertensport. Er holte zwölf Goldmedaillen allein bei den Paralympics, fährt Abfahrt, Super-G und Riesenslalom. Die erste Zeit nach dem Unfall sei schwer gewesen, sagt der frühere Rechtshänder, aber längst lebe er sein Leben "mit links".

Man glaubt ihm das sofort: Der Bayer klingt lebensfroh und optimistisch. "Heute weiß ich eben, dass auch einarmig fast alles möglich ist", sagt er. Anziehen, Kochen, Baby wickeln - alles Übungssache. Direkt nach dem Unfall sei der erste Gedanke jedoch gewesen: Wie soll das alles künftig funktionieren?

Zum Glück im Unglück, sagt Schönfelder, sei der Unfall auf dem Heimweg von seiner Arbeitsstelle passiert. Für die Betreuung und Rehabilitation war deshalb die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) zuständig, deren Berater ihm direkt zur Seite gestanden hätten. Diese Erfahrung bewog ihn vor einigen Jahren, selbst als Botschafter der DGUV aktiv zu werden. An deren Stand wird er beim IPD öfter anzutreffen sein.

Schönfelder und neun weitere Spitzensportler des Behindertensports gehören zum so genannten BG-Team der DGUV, dem Spitzenverband der gewerblichen Berufsgenossenschaften. Die Sportler besuchen Verunfallte in der Klinik, berichten von ihren eigenen Erfahrungen und machen den Patienten Mut. "Es tut vielen gut zu hören, wie ein anderer die Situation erlebt hat", sagt Schönfelder.

Außerdem stellen die BG-Botschafter ihren Sport vor - gerade nach Unfällen ist Bewegung wichtig für die Rehabilitation. Zum einen wird so die körperliche Gesundung gefördert, zum anderen helfen Erfolgserlebnisse auch bei der seelischen Heilung. "Wer wieder fit im Sport ist, hat beste Voraussetzungen, sein soziales und berufliches Leben ebenfalls wieder in den Griff zu bekommen", sagt Gregor Doepke von der DGUV.

Die ersten Schritte zurück ins Leben gehen Verunfallte schon in der Klinik. Jeweils vor oder nach den Paralympischen Spielen touren die zehn Spitzensportler deshalb eine Woche durch die elf BG-Kliniken der Bundesrepublik. Eine davon ist das Unfallkrankenhaus Berlin (UKB) in Marzahn. "Wir sorgen mit einem Rundum-Paket für die Rehabilitation der Patienten", sagt der Ärztliche Direktor des UKB, Prof. Dr. Axel Ekkernkamp, "und begleiten sie ambulant in der Regel ihr gesamtes weiteres Leben." Von der Erstversorgung in der Notaufnahme bis hin zur späteren ambulanten Betreuung wird darauf hingearbeitet, dass der Verunfallte sein Leben möglichst uneingeschränkt wieder aufnehmen kann. Noch im Krankenhaus nehmen Sozialarbeiter Kontakt mit Angehörigen auf und prüfen etwa, wie die Wohnung oder der Arbeitsplatz barrierefrei umgebaut werden kann. In speziellen Einrichtungen wie etwa dem Behandlungszentrum für Rückenmarkverletzte werden die Patienten nicht nur medizinisch betreut. Hier treffen sich unter anderem Rollstuhlrugby-Teams wie die Berlin Raptors, die auch beim Paralympics Day spielen.

Manuela Schmermund konnte von vielen dieser Klinikleistungen nicht profitieren. Die Sportschützin ist ebenfalls Mitglied des BG-Teams. Sie selbst jedoch verunglückte im Alter von 20 Jahren privat mit dem Auto. Seitdem sitzt die heute 37-jährige Hessin aufgrund einer Querschnittlähmung im Rollstuhl. "Die Zeit nach meinem Unfall hat mich viel Kraft gekostet", sagt sie. Informationen zum Umbau der Wohnung oder Therapiemöglichkeiten musste sie sich vielfach selbst suchen. Während Skifahrer Schönfelder nur drei Monate nach seinem Unfall wieder auf der Höhe war, dauerte es bei Manuela Schmermund sechs Jahre, bis ihr Sport sie wieder begeistern konnte.

Viele der Informationen, die sie heute hat, gibt sie nun weiter, etwa beim International Paralympic Day. Und auch die nächste Klinik-Tour zum Mutmachen steht für Schmermund und Schönfelder schon bevor: 2010, kurz vor den Spielen in Vancouver.

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