Rehhagel bei Hertha : Im Jahr des aktiven Alterns

Hertha BSC präsentiert den 73 Jahre alten Otto Rehhagel als neuen Cheftrainer: Er soll mit seiner Erfahrung den Absturz der Mannschaft stoppen und den Verein in der Liga halten.

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Die Bundesliga hat Otto Rehhagel wieder. Der Medienandrang bei der Vorstellung des Altmeisters, der Hertha BSC übernehmen und damit nach mehr als elf Jahren in den deutschen Fußball zurückkehren wird, war riesig.Alle Bilder anzeigen
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19.02.2012 15:26Die Bundesliga hat Otto Rehhagel wieder. Der Medienandrang bei der Vorstellung des Altmeisters, der Hertha BSC übernehmen und...

So viel Zuspruch ist Hertha BSC schon lange nicht mehr widerfahren. Als scheinbar alles zu Otto Rehhagel und seiner Rückkehr nach Berlin gesagt ist, meldet sich auch die Politik noch zu Wort. Nicole Bracht-Bendt, die als Sprecherin für Frauen und Senioren bei der FDP bisher eher ein Schattendasein geführt hat, hat eigens eine Pressemitteilung versenden lassen, in der sie die Verpflichtung des 73-Jährigen als „gutes Signal für das von der Europäischen Union ausgerufene Jahr des aktiven Alterns“ lobt. Auch aus seinem persönlichen Umfeld erfährt Rehhagel nur Zustimmung für seine Entscheidung, das Angebot des Berliner Fußball- Bundesligisten anzunehmen. Jürgen Flimm, Intendant der Staatsoper Unter den Linden und laut Rehhagel „einer meiner ganz großen Freunde“, hat gleich angerufen und seine Freude kundgetan, dass man sich ja nun des Öfteren sehen werde. „Denkt er“, sagt Rehhagel.

Für private Vergnügungen wird Herthas neuer Trainer in den zweieinhalb Monaten bis zum Saisonende leider keine Zeit haben. Trainingsplatz, Geschäftsstelle, Hotel und vielleicht mal ein Besuch im Café – „das sind die vier Dinge, die ich mache“, sagt der 73-Jährige bei seiner Vorstellung. Eine ähnliche Einstellung zu ihrem Beruf erwartet Rehhagel natürlich auch von seinen Spielern: „Alle müssen ihr Ego in den Hintergrund stellen. Sie sollen Tag und Nacht nur an die nächsten Aufgaben denken.“

Dass Widerstand gegen die Anweisungen des neuen Trainers sinnlos ist, haben die Spieler schon am Morgen nachlesen können. „Ab Montag bin ich bei Hertha das Gesetz, und alle hören auf mein Kommando“, hat Rehhagel der „Bild am Sonntag“ gesagt. Der Satz zeugt nicht gerade von zeitgemäßem Führungsstil, aber vielleicht ist dieser Ton genau der, den Hertha nach sechs Pflichtspielniederlagen hintereinander jetzt braucht. Mittelfeldspieler Peter Niemeyer glaubt, dass die Mannschaft von Rehhagels Erfahrungen profitieren wird, „weil noch nicht alle bei uns den Abstiegskampf miterlebt haben“. Mit seiner Aura und seiner Persönlichkeit könne Rehhagel dem jungen Team enorm helfen. „Wenn er einen Raum betritt, füllt er ihn aus“, sagt Niemeyer.

Es ist ein paar Minuten nach eins, als Rehhagel den Medienraum von Hertha BSC betritt, den er schon deshalb nicht ausfüllen kann, weil er bereits übervoll ist. Gut 20 Fotografen belagern das Podium, 15 Kamerateams filmen den Beginn einer neuen, kurzen Ära, die Stühle reichen bei weitem nicht für all die Journalisten, die gekommen sind. Einen solchen Medienaufmarsch hat Hertha in der jüngeren Vergangenheit noch nicht erlebt. Rehhagel lehnt sich in seinem Stuhl zurück, er wirkt zwischen Manager Michael Preetz und Herthas Medienchef Peter Bohmbach fast ein bisschen in sich zusammengesunken, was aber auch an der stattlichen Statur seiner beiden Nebenleute liegen kann. „So lange ich lebe, will ich Spannung haben“, sagt Herthas neuer Cheftrainer, der dritte bereits in dieser Saison. Rehhagel spricht leise, seine Stimme klingt ein bisschen belegt, aber manchmal ist es, als fahre ein Blitz in ihn und lade ihn mit neuer Energie auf. Dann funkeln die Augen, die Stimme erhebt und Rehhagels Körper spannt sich. Einmal spricht er zu den Journalisten im Saal, als stünde er vor seinen Spielern auf dem Trainingsplatz: „Ihr spielt da draußen. Ich gebe nur die Tipps. Ihr seid die Protagonisten, und ihr müsst die Dinge richten, müsst die Eckbälle, Freistöße richtig schießen.“

Herthas Trainer seit 1997
Pal Dardai übernahm Anfang Februar die Trainerstelle von Jos Luhukay. Dem Bundesliga-Rekordspieler von Hertha BSC wurde Rainer Widmayer zur Seite gestellt, einst Co-Trainer unter Markus Babbel in Berlin.Weitere Bilder anzeigen
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Um kurz vor elf ist Rehhagel auf dem Flughafen Tegel gelandet, kurz darauf kommt er mit kleinem Gepäck und in Begleitung von Michael Preetz aus dem Terminal. Ein paar Kamerateams und Fotografen warten auf ihn, Fans sind keine gekommen. Rehhagel, der im Ruf steht, ein Journalistenfresser zu sein, winkt freundlich. Später bei der Pressekonferenz wirkt Rehhagel beinahe altersmilde. Nur einmal, als die Fotografen auch nach mehrmaliger Aufforderung einfach nicht aufhören wollen zu fotografieren, wird er ein bisschen ungehalten. „Kommt Jungs, jetzt ist gut“, sagt er. „Seid vernünftig!“

Am Dienstag um zehn Uhr wird Rehhagel zum ersten Mal Herthas Training leiten. René Tretschok, 43, und Ante Covic, 36, die beim 0:1 gegen Dortmund auf der Bank saßen und vom Alter her seine Söhne sein könnten, werden ihm dann helfend zur Hand gehen. „Sie können von mir was lernen, ich kann von ihnen was lernen“, sagt Rehhagel. Natürlich werde er bei jedem Training dabei sein und bei Bedarf auch eingreifen. „Ich bin der Spiritus rector“, sagt er „Aber ich mache nicht die Arbeit. Das müssen die Jungs machen. Da freuen die sich auch drauf.“

Das Urteil, dass Otto Rehhagel für den Job in der Bundesliga schon zu alt sei, hält Peter Niemeyer für Schwachsinn. Auch Rehhagel widerspricht dieser Einschätzung: „Ich bin gesund, ich bin fit, ich kenne mich aus im Fußball.“ Deshalb war es für ihn auch immer selbstverständlich, dass er noch für einen Job in der Bundesliga in Frage komme. „Ich kann auch im nächsten Jahr noch Bundesligatrainer sein“, sagt Rehhagel. Sein Vertrag bei Hertha läuft allerdings nur bis zum Saisonende, eine Ausweitung steht wohl nicht zur Debatte, nicht einmal bei einem glücklichen Ende der Zusammenarbeit. Und davon gehen bei Hertha alle Beteiligten aus. Angst, dass er sich in Berlin auf seine alten Tage noch den Ruf versaut, hat Rehhagel jedenfalls nicht. „Meine Reputation kann man mir nicht mehr nehmen“, sagt er. „Wenn wir es tatsächlich nicht schaffen sollten, dann hat’s eben nicht gereicht. Ganz einfach. Aber daran glauben wir nicht. Noch sind ja drei hinter uns.“

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